Ich bin nicht unbedingt ein Fan der russischen Musik des 19. Jahrhunderts, und ich muss gestehen, dass ich Mussorgskys ‚grand opéra‘ – in welcher Fassung auch immer – noch nie gehört, geschweige denn auf der Bühne gesehen hatte. Die Erwartungen waren also groß, und sie wurden – um es gleich vorweg zu sagen – nicht enttäuscht. In Musik und Szene bietet die Bayerische Staatsoper ein grandioses Spektakel, einen Opernabend der Spitzenklasse – wenn man den Inszenierungsstil eines Calixto Bieito mag. Für mich gehört Bieito zu den ganz großen Theatermachern. Sein Fidelio in München, sein Fliegender Holländer in Stuttgart oder sein Freischütz an der Komischen Oper in Berlin waren für mich faszinierende Inszenierungen. Und ein gleiches gilt für seinen Münchner Boris. Sein Boris Godunow ist kein blutiges Märchen aus ferner Zeit, aus einem fernen Russland, sondern eine höchst aktuelle Parabel von totaler Gewaltherrschaft,… → weiterlesen
Kategoriearchiv: München
Die Mär vom „kindischen Helden“ und das Gesellschaftsstück vom scheiternden Banker. Siegfried und Götterdämmerung an der Bayerischen Staatsoper
Sagen wir es gleich, ohne alle Umschweife: der Münchner Ring, das ist Wagner vom Allerfeinsten. Sänger der Spitzenklasse in allen Rollen, ein brillantes Orchester, eine musikalische Interpretation, die auf alles Brimborium, auf alles Gedröhne und Laute verzichtet, die stattdessen auf die sanften Klänge, auf das Piano setzt, dort das Rauschhafte findet und mit dieser Wagner Deutung fasziniert und begeistert. Ein Gleiches gilt für die szenische Umsetzung. Die Regie sieht (vielleicht mit Ausnahme der Götterdämmerung) von allen Welterklärungsmodellen, allem Zirkus, allem intermedialen Spektakel und allem Stücke-Zertrümmerungsfuror ab, betont das Märchenhafte und die Fantasy Analogien des Rings und bricht dies Märchentheater immer wieder mit Metatheatereinschüben: wir sind zwar in der Welt des Theaters, in der Welt der Illusionen, so weiß der an Brecht geschulte und von Brecht wohl auch geschädigte Theatermacher Kriegenburg, und wir Zuschauer wissen es auch seit langem: die Märchen, die wir sehen, sind Theater, nichts als inszeniertes Theater. Illusionen, die mit Desillusionen zurückgenommen werden.
Das Rheingold und die Walküre hatten wir bereits vor einem knappen Jahr gehört und gesehen, das Rheingold mit einer gewissen Skepsis, die Walküre mit Begeisterung aufgenommen (vgl. die entsprechenden Bemerkungen im Blog). Und jetzt Siegfried und Götterdämmerung. Welcher Eindruck bleibt?… → weiterlesen
Ein Sängerfest – ohne Inszenierung. Rigoletto an der Bayerischen Staatsoper
Sagen wir es gleich – ohne alle Umschweife. In München ist ein Rigoletto zu hören, ich betone zu hören, wie er brillanter und schöner wohl kaum vorstellbar ist. Hier ist Belcanto in Hochkultur zu erleben: mit Joseph Calleja als Duca di Mantova, mit Franco Vassallo als Rigoletto und Patricia Petibon als Gilda. Verdi Musik, Verdi Gesang vom Allerfeinsten. Italienische Oper als Hochkultur.
Wer indes in München Musiktheater erwartet, der wird enttäuscht. Die Bayerische Staatsoper präsentiert mit ihrem neuen Rigoletto eine Verdi-Oper, bei der die Inszenierung weder eine Deutung anbietet noch das Publikum provozieren will, noch sich gegen die Musik wendet, noch sich im Trash austobt, noch Verruchtheit und Dekadenz vorgaukelt. In München – welch ein Kuriosum – findet die Inszenierung gar nicht statt.… → weiterlesen
Die Rettung der Menschheit aus dem Geiste der Wollust – im Postmoderne-Salat. Babylon eine Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper. Musik von Jörg Widmann, Libretto von Peter Sloterdijk, Inszenierung Carlus Padrissa – La Fura dels Baus.
Man kann aufatmen. Auch Deutschland hat endlich einen poeta philosophus, der sich berufen fühlt, ein Weltenpoem zu schreiben, zu singen vom Abstieg in die Unterwelt und vom Aufflug in die Himmel, zu fabulieren von der Menschheit, die sich aus dem Elend befreit, hin zur irdischen Glückseligkeit („ad felicitatem“), der zu erzählen weiß vom Ewigweiblichen. Italien hatte zwar schon vor 700 Jahren einen bis heute hin berühmten poeta philosophus, der mit philosophischen und politischen Traktaten und vor allem mit einem viele Tausend Verse umfassenden Poem Aufsehen erregte. Aber, mein Gott, was soll‘s. Wir sind nur Nachgeborene. Wir haben halt unseren Philosophen aus Karlsruhe, den es unter die Dichter, sprich: Librettisten verschlagen hat. ‚Ein Zwerg auf den Schultern von Riesen‘, der gern mehr als diese sehen möchte. Doch kaum mehr als zu blinzeln vermag. Sein Werk nennt sich nicht einfach Commedia wie das des illustren Florentiners, sondern, wohl ob der Schauder erregenden Assoziationen, Babylon. Und da unser Zwerg im Nebenberuf auch noch ein deutscher Professor ist, schreibt er natürlich ein Professorenlibretto. … → weiterlesen
Der Sklave der Ringe – eine höchst brillante Fantasy Walküre an der Bayerischen Staatsoper
In München wird der Opern Fan nicht sehr häufig von spektakulären Aufführungen verwöhnt. Vom Trash Don Giovanni, vom Häuslebauer Lohengrin und Freundin Elsa, von der Turandot Holiday on Ice Show reden wir erst gar nicht mehr. Mit ärgerlichem Schweigen übergehen wir auch die gänzlich abgespielten Wiederaufnahmen von Così fan tutte, von Le Nozze di Figaro, vom Rosenkavalier, um nur ein paar zufällige Beispiele zu nennen. Gäbe es da im Repertoire nicht einige Glanzpunkte wie Kusejs Rusalka oder Bieitos Fidelio oder Warlikowskis Eugen Onegin, dann hätte ich den Münchner Musentempel schon lange aus meinem Opernprogramm gestrichen.
Und die Walküre? Ich sage es gleich und ohne alle Umschweife: mag die Feuilletonkritik sie allenfalls als hochkarätige konzertante Aufführung schätzen, für mich, die interessierte Dilettantin, gibt es an der neuen Münchner Walküre nichts zu mäkeln, nichts zu bekritteln. Sie hat mich begeistert.… → weiterlesen
„Das Wasser, dieses erstgeborene Kind luftiger Verschmelzungen, kann seinen wollüstigen Ursprung nicht verleugnen[ …]“ Andreas Kriegenburg inszeniert Das Rheingold an der Bayerischen Staatsoper
Beim neuen Münchner Ring ist alles vom Allerfeinsten. Generalmusikdirektor Nagano am Pult, ein brillantes Staatsorchester im Graben, ein berühmter Theatermacher als Regisseur, Sänger der ersten Garnitur, ein begeistertes Publikum. Und doch bleibt ein zwiespältiger Eindruck, ein fader Geschmack. Man traut sich gar nicht, es zu sagen. Kritik an der Bayerischen Staatsoper, und erst recht, wenn mit Wagner einer der Hausgötter auf dem Programm steht, ist in München verpönt. Die Dilettantin, die niemandem verpflichtet ist, die im Publikum sitzt, ihre Eintrittskarte selber bezahlt, hält mit ihrer Meinung nicht zurück. Sie hat in den letzten Jahren in unterschiedlichsten Häusern, in großen und kleinen, Das Rheingold gehört und gesehen. Doch München gebührt die Krone: ich habe mich zum ersten Mal beim Rheingold gelangweilt. … → weiterlesen