„Freiheitskämpfer“ und Fanatiker, Mörder und Fundamentalist. Guillaume Tell an der Bayerischen Staatsoper

Theatermacher Antú Romero Nunes meint es nicht gut mit dem Schweizer Nationalmythos und dessen Helden. Er dekonstruiert den ‚Helden‘, zeigt einen Psychopathen und widerwärtigen Fundamentalisten, der in seiner eingebildeten Mission, in seinem Kampf gegen den Tyrannen bedenkenlos seine Landsleute manipuliert, der auch vor Betrug und Mord an Freunden nicht zurückschreckt, wenn es nur dem hehren Ziel von Einigkeit und Freiheit dient. Um den wegen seiner Liaison mit einer Habsburgerin zögernden Arnold als Mitstreiter zu gewinnen, beseitigt er dessen Vater und schiebt den Habsburgern den Mord in die Schuhe. Und schon reagiert der einfältige und gutmütige Arnold wie ein Pawlowssches Hündchen, rast vor Rache, verlässt seine Prinzessin, bewaffnet eine Schar von  recht tumben Landsleuten mit Maschinenpistolen und lässt diese in ihr Verderben rennen. Natürlich erledigt der schreckliche Tell, ganz wie es der Mythos will, den Tyrannen, und – so das Finale – alle Moribunden, die sich noch gerade rühren können, dürfen „Liberté“ intonieren. Doch zumindest einer der tödlich Verwundeten stößt den ‚Helden‘ von sich. Und der tumbe Tell versteht gar nicht, was ihm da geschieht. Freiheit für die Überlebenden – über den Leichen der anderen.

Die Grand Opéra – das hat sich bei der Renaissance, die diese Gattung zur Zeit erfährt, inzwischen herumgesprochen – lebt vom großen Spektakel, von Massenauftritten, von (fein dosiertem) Sex und viel Crime, von Gewalt und Belcanto Kulinarik. All das bietet der Rossini Abend in der Bayerischen Staatsoper in Fülle: ein in Belcanto Koloraturen und Bravourarien schwelgendes Liebespaar (in den Personen der Sopranistin Marina Rebeka und des Tenors Bryan Hymel), das sich auch schon mal herzen und dabei unter den spöttischen Blicken des Tell Schuhe und Krawatte von sich werfen darf. Massenauftritte aller Arten, von den biederen Brautpaaren, die sich zur Großhochzeit versammelt haben, über die sich verängstigt duckenden kleinen Leute, über die Maschinenpistolen schwingenden Möchtegern-Machos, über den Rütlischwur zur nächtlichen Stunde unter Fackeln bis hin zu den prügelnden SS-Horden und ihrem Kommandanten Gesler. Gewalt zieht sich  als Leitmotiv durch die Szene. Gewalt ist der Auslöser des Geschehens: ein Schweizer erschlägt aus dem Hinterhalt einen Soldaten der Habsburger und löst damit eine Orgie von Gewalt und Gegengewalt aus.

Diese Gewaltexzesse, mögen sie auch alle dramaturgisch begründet sein und mag die Regie sie auch noch so gekonnt und souverän und so spektakulär wie den berüchtigten Apfelschuss in Szene setzen, bewirken auf die Dauer nur Überdruss. Müssen es eigentlich immer wieder nur Nachstellungen von Action-Filmen sein? Geht es nicht auch anders? Ja, es geht auch anders. Es geht auch mit den Mitteln des Märchens und der Pantomime – so signalisiert es die Regie zu Beginn des zweiten Teils. Und jetzt gelingt ihr die vielleicht schönste Szene der Inszenierung. Zur berühmten Ouvertüre, die erst jetzt gespielt wird, sitzt der Tell Knabe schlafend auf der Vorderbühne, und im Traum erscheinen ihm groteske Märchenfiguren, umtanzen ihn, drohen ihm, retten ihn und erlösen ihn von seinem Trauma. Und dann geht es weiter mit Gewaltszenen im kruden Realismus.

Keine Frage, dass an diesem Abend in der Münchner Oper in allen Rollen brillant gesungen und gespielt wird, dass Michael Volle in der Titelrolle den widerwärtigen Fanatiker Tell und Günther Groissböck den nicht minder widerwärtigen SS-Offizier grandios herüber bringen, dass Evgeniya Sotnikova den auf Fanatismus gedrillten und doch noch so kindlichen Sohn des Tell geradezu anrührend zu gestalten weiß. Keine Frage, dass das Orchester einen Rossini spielt, wie man ihn sich nicht besser vorstellen kann, dass die Bühnentechnik, die wohl mehr als zwei Dutzend lang gestreckte Rohre  – sie fungieren als Einheitsbühne -immer wieder vertikal und horizontal geräuschlos bewegen musste, einen großen Tag hatte – und damit das Pausengespräch bestimmte. „Was bedeuten denn die Rohre?“  Sagen wir es ganz vornehm: die Rohre sind polyvalente Symbole: Säulen im Festsaal und in der Kirche, Bäume im Wald, Balken für die Häuser, Kanonen für die Gewalt und natürlich Phallussymbole für die Postfreudianer.

Sublime Musik aus dem Graben, Belcanto auf der Bühne, Gewalt auf der Szene und – Wolken von süßlichem Schweiß und schwerem Parfum im Zuschauerraum. Fürwahr ein großer Opernabend in der Bayerischen Staatsoper.

Ob ich noch einmal hingehe? Wenn man die Grand Opéra, diesen trotz moderner Technik, trotz der Kostüme von heute, trotz der Verweise auf unsere Zeit doch so archaischen, so historisierenden Stil mag, dann sollte man diesen Guillaume Tell nicht versäumen.

Wir sahen die Aufführung am 13. Juli 2014. Die Premiere war am 28. Juni 2014.

Absolutistisches Huldigungstheater in der klassizistischen Arena und auf der Probebühne. Eine vieldeutige oder auch nur eine konzeptionslose La Clemenza di Tito an der Bayerischen Staatsoper

Ein Libretto nach Metastasio, auf das Mozart einige seiner schönsten Arien für Frauenstimmen komponiert  –  und einige seiner langweiligsten Rezitative geschrieben hat (bzw. hat schreiben lassen). La Clemenza di Tito, eine wahre Crux für unsere Theatermacher. Vor ein paar Jahren hatte  Martin Kusej in Salzburg die Figur des Tito als Trottel ‚entlarvt‘ und dessen Nachsicht und Milde als Masochismus eines Gestörten gedeutet.  Eine ganz andere, vielleicht sogar eine ganz  neue Interpretation schlug unlängst Krzysztof Warlikowski im  Théâtre de la Monnaie vor, wenn  er das Moment der permanenten Öffentlichkeit, in der der absolutistische Herrscher und seine Entourage stehen, herausstellt und dem entsprechend  die Handlung konsequent in ein Fernsehstudio verlegt und die Handelnden zu Politikern von heute macht, die  unter ständigem Stress ihr Leben verbringen und ihre Entscheidungen treffen. Eine wiederum andere Deutung war  im vergangenen Sommer beim Festival der Alten Musik in Innsbruck zu sehen, eine Inszenierung, bei der das Produktionsteam unter Christoph von Bernuth eine Modeerscheinung des 18. Jahrhunderts, den Freundschaftsdiskurs, in das Zentrum des Interesses rückt und die homoerotischen Neigungen eines alternden Mannes zu einem androgynen Jüngling, dem jungen Sesto, in Szene setzt. Allesamt Deutungen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können und die für die Polyvalenz des scheinbar so antiquierten  Librettos sprechen.

Und jetzt in München? Da weiß sich Theatermacher Jan Bosse nicht so recht zu entscheiden.… → weiterlesen

„Ich bin ein Weib und will ein Weiberschicksal“, Herr Dr. Freud. Eine umjubelte Die Frau ohne Schatten an der Bayerischen Staatsoper

Kein Zweifel. In München singt ein teures Ensemble internationaler Stars höchst brillant. Hier zelebriert das Bayerische Staatsorchester unter Maestro Petrenko Richard Strauss auf höchstem Niveau. Hier wird Hofmannsthals hybrider Text, dieses Gemenge aus  fernöstlicher Symbolik, Psychodrama und Märchen, in eine in sich schlüssige, kohärente und überzeugende Inszenierung umgesetzt.

Doch muss man diese – nach den vielen Flops der letzten Jahre – zweifellos in jeder Weise gelungene Produktion so kritiklos und hymnisch bejubeln, wie das manche Feuilletonkritiker und –  im Gefolge dieser –  große Teile des Publikums tun? „Kommt der neue Gott gegangen, hingegeben war ich“ – nein, nicht stumm. Dann werd‘ ich trunken, redselig. Dann gebe ich meinen Verstand zusammen mit Hut und Stock an der Garderobe ab.  Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man die  geradezu peinlich unkritischen Hymnen auf Maestro Petrenko in der Presse liest. Wir haben vor ein paar Jahren Thielemanns Frau ohne Schatten in Salzburg  und zuvor die Interpretation von Welser-Möst in Zürich gehört. In Salzburg und in Zürich hat man vielleicht nicht so stark auf das selige Pianissimo gesetzt, das man in München bis zum Exzess auskostet und das eine geradezu hynotisierende  Wirkung  auf die Zuhörer ausübt. Dort stellte man, wenn ich mich recht erinnere, eher die rauschhafte Klangfarbenpracht der Musik heraus. Wie dem auch sei. De gustibus non disputandum est.  In München wird, dran gibt es überhaupt nichts zu bekritteln,  eine grandiose Die Frau ohne Schatten zelebriert.  Doch Zürich und Salzburg, mögen  dort die Akzente  auch etwas anders gesetzt worden sein,  können da durchaus mithalten.

Doch sprechen wir lieber von der Inszenierung und überlassen wir  den musikalischen Part den Musikern  und den Musikkritikern.… → weiterlesen

„Amor …sublime amore!“ – „Quale orror!“ Il Trovatore an der Bayerischen Staatsoper

circe - mira d'oublietteMuss man ein großer Verdi Fan und ein Stimmfetischist sein, muss man ein Jonas Kaufmann Bewunderer sein, um an dem Spektakel Gefallen zu finden, das der bayerische Musentempel mit seiner Trovatore Produktion bietet? Bei Verdi – beim Rigoletto war das schon zu beobachten – setzt die Münchner Intendanz auf den Marktwert großer Stimmen – und rechnet die Inszenierungen zu den quantités négligeables, Was beim Rigoletto Calleja, das ist beim Trovatore Kaufmann. Beide sorgen für seit Monaten ausverkaufte Häuser. Und sie singen ja auch beide so berückend schön und verzücken das mehrheitlich ergraute Publikum. Sogar ein bekannter Münchner Politiker ließ die drängenden Berliner Geschäfte ruhen, um dem berühmten Tenor zu lauschen.

Ob der auch wirklich die ganze Zeit über so brillant sang, wie es sein Publikum erwartete? „Ja, nach der Pause, da war er einfach toll“, so wusste In der U-Bahn ein junger Mann lautstark seinem  Busenfreund zu berichten. Unser Kaufmann Verehrer hätte noch hinzufügen können, dass an diesem Abend die bulgarische Operndiva Stoyanova, die die Leonara gab, so betörend schön (warum sagen wir nicht: so ergreifend schön) sang, dass sie  der eigentliche Star der Aufführung war.

Il Trovatore in München: ein Sängerfest in Herz und Schmerz. Belcanto  vom Allerfeinsten.  Opernkulinarik pur.

Das Bühnengeschehen  hingegen lässt einen nur kalt. Ein Latinlover und ein sadistischer Macho streiten sich um die Donna inmitten eines Bürgerkriegs- und Zigeunerambiente. Was soll man aus diesem Klischee Material schon machen. Regisseur Olivier Py, renommierter Spezialist für die Grand Opéra, entscheidet sich für eine Melange aus Grand Opéra und Theater auf dem Theater, verlegt die Handlung in ein Irgendwo zur Entstehungszeit des Stücks, setzt, was gesungen wird, noch zusätzlich in Pantomime um, lässt gleich auf mehreren Ebenen agieren. Mit einem Wort: macht großes Spektakel – von Messerstecherei und Fechtszenen bis zu Hüftgewackel und Striptease – , traut  nicht der Eigendynamik der Musik – und langweilt.  Erst im Schlussakt nimmt sich die Regie zurück und lässt die Akteure einfach ungestört singen. Und jetzt erst gewinnt die Aufführung an dramatischer Wucht. Jetzt dominiert die Musik, jetzt lenkt nichts mehr von den großen Stimmen ab,  jetzt gelingt kammerspielartiges Musiktheater. Warum nicht gleich so. Die Konflikte zwischen den vier Figuren: den feindlich Brüdern, der falschen Mutter und der heillos der ‚Liebe als Passion‘ verfallenen Donna, bieten doch genug Raum zur Entfaltung. Da braucht’s doch gar nichts an Brimborium.

Wie dem auch sei. Großes Spektakel, große Stimmen, Herz und Schmerz nebst Frauenleiche und Testosteron gestörten Männern und dazu Musik zum Mitsingen. Die Oper, aus der die Träume sind. Allgemeine Begeisterung im Publikum.

Wir sahen die Aufführung am 20. November 2013. Die Premiere war am 27. Juni 2013.

Semele – Eine Operette aus dem 19. Jahrhundert im Cuvilliéstheater in München

Semele, von Händel bei der Uraufführung im Jahre 1744 noch als Oratorium bezeichnet: „After the Manner of an Oratorio“ wird heute gern als Operette avant la lettre präsentiert. In diesem Stil hatte  schon vor ein paar Jahren Robert Carsen in Köln und in Zürich die Semele in Szene gesetzt. In München, wo Karoline Gruber mit dem Ensemble des Gärtnerplatz Theaters eine Semele Version erarbeitet hat, bleibt man ganz auf dieser Linie. Vielleicht nicht ganz, denn in manchen Szenen, so vor allem zu Beginn, weiß die Regie sich zwischen Oratorium und Operette nicht so recht zu entscheiden. (Eine Unentschiedenheit, mit der damals auch Carsen zu kämpfen hatte). In München beginnt die Semele mit einer Massenhochzeit – die Herren im Frack und mit Zylinder, die Damen im weißen langen Kleid. Doch diese Brautleute stehen da so steif und statuarisch herum, dass, wären da nicht die weiß gekleideten Damen, man eher an eine Friedhofs- als an eine Hochzeitsszene denken müsste. Chorgesang auf dem Friedhof, wenn man so will. Oratoriensänger ohne schauspielerische Ausbildung in Aktion. Doch dann dreht sich die Bühne. Und damit dreht sich  auch die Aufführung  und kommt so richtig in Fahrt. Jetzt, im zweiten Bild, sind wir sind mitten in der Operette, besser: in einer Offenbachiade. Eine aufgekratzte Semele im Negligé, die Jupiter in ein Lustschloss entführt hat, räkelt sich in den Kissen, langweilt sich im luxuriösen Ambiente, sehnt sich nach ihrem Liebhaber – und singt brillant. (Unwillkürlich denkt man an Orpheus in der Unterwelt, dritter Akt. Eine gelangweilte Eurydice wartet auf Pluto). Jupiter erscheint: ein englischer Dandy des 19. Jahrhunderts, ein Gentleman aus der Upper Class, hält sich mit der Semele  eine hübsche und liebestolle, allerdings höchst anspruchsvolle Maitresse. Ersteres Verhalten genießt der Gentleman lustvoll. Letzteres nimmt der natürlich verheiratete Gentleman indigniert zur Kenntnis. Will doch die Gespielin so einfach in die Upper Class aufsteigen. Wie solche Geschichten ausgehen, das wissen wir im Publikum noch aus den Mythen und den Feuilleton Romanen des 19. Jahrhunderts. Die um ihre Besitzstände besorgte Gattin entsorgt die nicht standesgemäße Rivalin – und der Gentleman steht als Trottel da und verdrückt sich.… → weiterlesen

Bürgerkrieg und Familienkrieg. Sex und Crime. Despoten und Opfer. Adelasia ed Aleramo an der Bayerischen Theaterakademie

In München gibt es eine  Johann Simon Mayr Renaissance und dies  in spektakulären Inszenierungen und auf hohem musikalischen Niveau. In der Staatsoper hatte vor knapp drei Jahren Hans Neuenfels  Medea in Corinto mit Starsängern in den Hauptrollen erfolgreich in Szene gesetzt, und jetzt hat Tilman Knabe im Prinzregententheater mit jungen Künstlern der Theaterakademie und der  Hochschule für Musik Adelasia einstudiert und damit einen nicht minder großen Erfolg verbucht. Beide Theatermacher, Neuenfels wie Knabe, sind für ihre Exzentrik bekannt oder, wenn man so will, berüchtigt. Beide lieben es, die alten Stücke neu zu erzählen, sie zu aktualisieren, sie extrem zu radikalisieren und nehmen es dabei wohl in Kauf  mit der, so schien es mir, eher sanften Musik  eines Mayr in Konflikt zu geraten.  Beide lieben es, ihr Publikum mit exzessiver Gewalt auf der Szene zu erschrecken und zu provozieren. Doch bei der Medea und nicht minder bei der Adelasia verfügen die jeweiligen Libretti in der Handlung, in den Situationen, in der Personenkonstellation über ein so starkes Gewaltpotential, dass sich dessen Umsetzung auf der Szene  geradezu von selber anbietet.… → weiterlesen