Unter Hollywood Gangstern und Serienhelden. Tobias Kratzer inszeniert Lucio Silla am Théâtre de la Monnaie in Brüssel

Von der römischen Geschichte und ihren Bürgerkriegen, vom Kampf zwischen Marius und Sulla, von der Verbannung der zur Marius Partei gehörenden Oppositionellen, vom – so will es das Libretto – Versuch des Diktators Sulla, die Tochter seines verstorbenen Rivalen Marius zu ehelichen, von der scheinbar so generösen Abdankung des Diktators und damit auch vom gattungsbedingten lieto fine, von all dem wiil die Regie nichts wissen.

Die Episode aus der Geschichte Roms, den Bürgerkrieg und den blutigen Streit der politischen Rivalen reduziert sie auf deren Grundstruktur. Und diese Grundstruktur ist eine Gangstergeschichte, ein Krieg zwischen zwei miteinander verfeindeten Verbrechersyndikaten, die um die Macht streiten, ein Kampf, in dem die unterlegene Partei – hier in der Person der Giunia, der Tochter und Erbin des Unterlegenen, um keinen Preis sich dem Sieger unterordnen will.

Episoden aus dem alten Rom in das heutige amerikanische Gangstermilieu zu transponieren, das ist auf den ersten Blick nicht sonderlich neu. (In La coronazione di Poppea gehört es beinahe zum Standardansatz). Originell wird diese Transponierung indes, wenn sie sich nicht mit der Aktualisierung der Grundstruktur begnügt, sondern die so gewonne aktualisierte Version in ein anderes Medium versetzt, im konkreten Fall in die fiktive Welt der Gangsterfilme und der amerikanischen Fernsehkrimis, wie zum Beispiel der Fargo-Serie. Nicht genug damit. Angereichert wird dieses Klischee Material noch mit Verweisen auf das Hitchcock Ambiente, auf die Mode der Horrorfilme und auf den Totenkult der Gothics oder gar auf Graf von Krolock?… → weiterlesen

Gutmenschen-Feier nebst ‚Führerkult‘. Philip Glass, Satyagraha an der Komischen Oper Berlin

Ich mag diese ‚minimalistische‘, diese ‚ripetive‘, diese sich gleichsam in unendlichen Schleifen  um sich selber drehende Musik eines Philip Glass, eine Musik zum sanften Narkotisieren. Heute bei der Gandhi-Oper ist mir indes zum ersten Mal der Verdacht gekommen, dass diese Musik, die es geradezu darauf anlegt, das Bewusstsein einzuschläfern, sich hervorragend für  Propagandazwecke eignet. Sie lullt ein und verkündet mit ihren ständigen Wiederholungen eine Botschaft. Welche nur?

Die Inszenierung, eine Mélange aus Oper, Oratorium und Tanztheater, mit ihren ständigen Massenaufmärschen, ihrer kritiklosen, jeden Anflug von Ironie oder Parodie verneinenden Herausstellung eines Charismatikers gibt die Antwort. Sagen wir doch statt Charismatiker Guru oder ‚Führer‘ – und die Antwort ist noch klarer: Musik und Inszenierung sind Faschismus pur im italienischen Sinne. Dieser so sanfte Gandhi-Duce wird von Frauen umsorgt und umschwärmt und von einem Kapitalisten finanziert und im Finale, vor der Pause, mit einem Fackelzug gefeiert. Da bin ich gegangen. „Zu viel. Zu viel!“

Man verstehe mich nicht falsch. Ich unterstelle Komponisten und Produktionsteam keinen latenten Faschismus. Aber er kam herüber – wohl ungewollt.  Sagen wir einfach: was da aus dem Graben tönte und was da auf der Bühne veranstaltet wurde, das war eine Propaganda-Show, die gefährliche Glorifizierung eines Guru, eines ‚Führers‘.

Vielleicht wurde ja nach der Pause alles anders.Vielleicht wäre ich im zweiten Teil eines Besseren belehrt worden. Doch ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten. Dieser Gandhi-Duce als Postfiguration eines Christus, der sich von den Massen schlagen, herumstoßen und dann wieder feiern lässt…, und das Ganze zieht sich über drei Stunden hin. „Zu viel. Zu viel“.

Ich gehe gerne und oft in die Komische Oper. Seit  Barrie Kosky dort Prinzipal ist, wird in diesem Hause grandioses Theater gemacht, Musiktheater der Spitzenklasse. Doch mit Verlaub gesagt, dieser Gandhi war ein Flop – zumindest für mich. Dem Publikum hat’s gefallen. Das Tanztheater? Das Libretto kann es kaum gewesen sein. Gesungen wurde in Sanskrit.

Wir besuchten die Vorstellung am 2. November 2017, die dritte Vorstellung seit der Premiere am 27. Oktober 2017.

 

 

 

 

 

 

 

Tutto il mondo è burla” – Eine desaströse Falstaff Reprise in Paris

Nach dem so grandiosen Don Carlos hat sich die Opéra National wohl in den Winterschlaf zurückgezogen. Wie will man sonst erklären, dass die Intendanz eine so gänzlich abgespielte, konventionell gemachte, langweilige, betagte Produktion aus dem Fundus wieder hervor geholt und ihrem Publikum vorgesetzt hat. „Tutto il mondo è burla“ – sich über sich  selber und andere lustig machen, nichts sonderlich ernst nehmen, alles ist doch nur ein Spiel, nichts weiter als Theater, so mögen der greise Verdi und sein Librettist Arrigo Boito wohl gedacht haben, als sie ihren Falstaff konzipierten und realisierten. Doch dass auch die Direktion eines renommierten Hauses sich über sich selbst und vor allem über ihr Publikum lustig machen wollte, als sie diese nicht von „des Gedankens Blässe angekränkelte“ Inszenierung wieder ins Programm nahm, das hätte ich nicht erwartet.… → weiterlesen

Delirium in der Todeszelle. Stefan Herheim inszeniert Wozzeck an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf

Ich bin nicht unbedingt ein Büchner Fan – und das war ich schon nicht, als ich noch Germanistik studierte, zu einer Zeit, als uns das Leid und der Untergang eines geschundenen Proleten als das Non plus Ultra der Literatur des 19. Jahrhunderts verkauft wurde. Ich mag  diese ‚Ästhetik des Häßlichen‘,  an der sich einst die müden Literaten jener Zeit erfreuten, nicht sonderlich. Ein Stück, in dem einst wie heute ein bürgerliches Publikum, wenngleich ihm in den Figuren des Hauptmanns und des Doktors seine eigenen Karikaturen vorgeführt werden, an der Unterschichtenfigur des armen Wozzek den ‚Exotismus der Nähe‘ gefahrlos besichtigen  kann.

Ich bin auch kein Freund der Alban Berg Musik. Ich finde sie in ihrer Konstruiertheit ziemlich langweilig. Dass die Musikhistoriker das ganz anders sehen, das ist mir nicht unbekannt.

Zum Düsseldorfer Wozzeck bin ich gegangen, weil ich ein Stefan Herheim Fan bin, weil ich seine Neudeutungen der Stücke beeindruckend finde, weil mich sein so phantasiereiches Theater fasziniert. Sein Parsifal in Bayreuth, seine Rusalka in Graz, sein Rosenkavalier in Stuttgart, sein Xerxes in Berlin, um nur ein paar der Herheim Inszenierungen zu nennen, die wir im Laufe der letzten Jahre gesehen haben, das ist einfach brillantes Theater, Musiktheater der ersten Kategorie.

Und dies gilt auch für seinen Düsseldorfer Wozzeck, für eine scheinbar so einfache und doch ungewöhnliche Grundkonzeption. Wozzeck, den der Justizapparat zum Tode verurteilt hat, liegt schon auf der Todespritsche, die Gaffer stehen ringsum, und er, im blutroten Dress der Guantamano Häftlinge, erhebt sich im Todeskampf noch einmal und erlebt noch einmal im Rückblick, was ihm widerfahren ist: die Experimente, die ein sadistischer Mediziner mit ihm durchgeführt hat, die Schikanen, die er von  einem unsicheren  und  machtgeilen Militär erlitten hat. Noch einmal erfährt er, wie ein sexbesessener Karnevalsprinz ( bei Büchner der Tambourmajor) ihn immerfort demütigt, wie die Umstehenden, in Maske und Kostüm eine gewalttätge Polizeikohorte, ihn fertig machen und wie selbst im Himmel für ihn kein friedlicher Platz bereitet ist: der Doktor und der Hauptmann als neue Engel erwarten ihn dort schon und werden ihn weiter quälen und malträtieren.

Keine Frage, dass all dies grandios in Szene gesetzt wird, dass mit Bo Skovus in der Titelrolle und Camilla Nylund  als Marie, um nur die beiden Protagonisten zu nennen,  exzellente  Sängerschauspieler  den Erfolg des Abends garantieren.

Auch wenn man Büchner und Berg nicht unbedingt mag, erlebt man bei dieser so faszinierenden Regie und bei dieser so brillanten Besetzung einen großen Opernabend. Die Deutsche Oper am Rhein ist auf dem besten Wege, sich wieder in die erste Reihe der Musiktheater zu spielen.

Wir besuchten die Premiere am 20. Oktober 2017.

Die Goldkehlen und die Starmusiker von der Bastille Oper. Don Carlos an der Opéra National de Paris.

Sie singen so exzellent und so brillant. Sie musizieren  – unter der Leitung von Philippe Jordan – so berückend schön. Sie bereiten geradezu einen Verdi-Rausch.

Für wen? Für die internationale Kohorte der Luxusrentner? Für die gelangweilte Bourgeoisie aus dem XVIe? Für die Dame, die zur ersten Arie der Princesse Eboli ihr Telefon klingeln läßt? Für die vielen Reichen und die wenigen Schönen, die gleich in der ersten Pause die Bar im Foyer stürmen? Für die Melomanen aus der Welt von Gestern, die mit modernem Musiktheater nichts anzufangen wissen und glauben, die  Inszenierung ausbuhen zu müssen? Nein, für all diese singen und musizieren sie nicht.

Sie singen und spielen und musizieren für ein aufmerksames und begeisterungsfähiges Publikum. Und  dieses findet sich immer noch in Paris zuhauf.

Das Aufgebot von Weltstars der Opernszene, die sich in Paris versammeln, ist in derTat beeindruckend. Jonas Kaufmann als Don Carlos, Ludovic Tézier als Rodriguez, Elïna Garanča als Princesse Eboli, Sonya Yoncheva als Élisabeth de Valois, Ildar Abdrazakow als König Philippe. Besser geht es wohl kaum. Verdi-Belcanto in Vollendung. Startheater vom Allerfeinsten. Allgemeine Begeisterung im ganzen Haus. Ein Fest für Melomanen.… → weiterlesen

„In der digitalen Welt“ oder allerlei Liebesdiskurse und permanentes Gender Switching. Nicola Antonio Porpora, Arianna in Nasso an der Kammeroper des Theaters an der Wien

Für mich eine absolute Rarität: „frühklassische“ Klänge in den Recitativi accompagnati, alle Typen von Arien( Lamenti, Bravourarien …), exzellente junge Sängerinnen und Sänger, ein Counter: Ray Chenez als Teseo, Anna Gillingham als Arianna, Carolina Lippo in der Rolle der Antiope, ihrer Rivalin, Anna Marshania als Onaro :Bacchus, Priesterin und Herrscherin der Insel.

Und eine höchst ehrgeizige Inszenierung, die das Verloren-Sein in einer digitalen Welt und zugleich die Möglichkeiten eines unendlichen Wechsels der Identitäten und des Gender aufzeigen will. Eine neue Variante des Ariadne Mythos.

Ich muß gestehen, dass ich den hypermodernen Touch der Inszenierung, die Verlegung des Geschehens in eine „digitale Welt“, in der ähnlich wie in der Welt des Traums alles möglich ist, erst nach der Studium der Gebrauchsanweisung (vulgo: des  Programmhefts) verstanden habe. Wer sich diese Lektüre ersparte, der konnte leicht zu der etwas konsternierten Deutung kommen, die eine Dame in der Reihe hinter mir lauthals verkündete: „Die sind doch alle bi“.

Und dabei hatte sie gar nicht so Unrecht. Nur sind sie nicht nur das. Sie wechseln ständig ihre sexuelle Bestimmung bzw. sie besitzen gar keine – mit Ausnahme der Ariadne. Sie ist und bleibt  – ganz wie es der klassischen Variante des Mythos entspricht – die Liebende, die Getäuschte, die Enttäuschte, die Verlassene, die Todessüchtige. – und sie singt ganz in diesem Sinne auch die schönsten Lamenti. Theseus, der nie weiß, was er will und was er ist, überlässt sie die Bravourarien und darin brilliert er höchst effektvoll.

Theseus, Antiope, angeblich seine Ehefrau, Piritoo, ein junger Mann, Onaro, angeblich die Priesterin des „Gottes der Freiheit“, ein klassisches Attribut des Dionysos, sie alle sind gemäß der Grundkonzeption der Regie   nur virtuelle Gestalten, die zur Verwirrung des Publikums immer wieder zwischen unterschiedlichen sexuellen Bestimmungen und damit zwischen unterschiedlichen Partnern hin und her schwanken. Ist Theseus nun männlich oder weiblich oder androgyn oder vielleicht gar geschlechtslos ? Ist Antiope ein Mann oder eine Frau und als solche eine Nymphomanin ?

Was uns die Regie dort auf der kleinen Bühne der Kammeoper bietet, ist zweifellos ein schönes Spiel, ein Verwirrspiel, das keine Auflösung will und das, läßt man sich als Zuschauer einmal darauf ein, höchst amüsant ist und gar nicht der großen Worte von der „digitalen Welt“ als Überbau bedarf.

Ganz abgesehen davon: Porporas Musik ist so eingängig, es wird in allen Rollen so brillant gesungen und gespielt, dass die Regie , so ehrgeizig und anspruchsvoll sie von ihrer Konzeption auch ist, letztlich zur quantité négligeable wird. Man geht nach Haus, wünscht sich mehr Opern von Porpora auf der Bühne und freut sich darauf, das brillante Ensemble der Kammeroper in dieser Saison noch in Pélleas et Mélisande und in Così fan tutte hören und sehen zu dürfen.

Wir besuchten die Aufführung am 10. Oktober 2017, die Dernière. Die Premiere war am 27. September 2017.