Die Holiday on Ice Show im Land des Röchelns oder Eisprinzessin Turandot in der Bayerischen Staatsoper

Bayerische Staatsoper, Foyer mit Blick auf den Max-Joseph-Platz

Nein,  selber Schlittschuh gelaufen ist sie nicht, und Turnübungen am hohen Trapez hat sie auch nicht gemacht, die von Seelenpein und Körperschwere  und Freud Komplexen belastete grausame Prinzessin Turandot. Das Eis-Laufen  haben langbeinige Statistinnen und das Hangeln am Trapez hat die hauseigene  Turnergruppe für sie besorgt.  Für die Prinzessin steht ein offener Fahrstuhl bereit, mit dem sie, ausstaffiert wie ein Kleiderständer, in Begleitung ihrer etwas weniger bekleideten Hofdamen vom Himmel herabschwebt (oder kam sie aus einer mehrfarbigen dreidimensionalen Lichtwolke?) und dem breitschultrigen fremden Prinzen ihre Rätsel aufgibt. Und herumstehen und herumliegen die vielen Chinesen (nein, nicht in Mao Anzügen, sondern in aufwendig geschnittenen bunten Trachten) als fernöstliche Scherenschnitt- Märchenfiguren.  Glatzköpfige groteske Minister als Buddha-Mönche kostümiert treiben ihren Schabernack. Der Kaiser sitzt auf einem Thron, des Prinzen Papa mit langem Bart à la chinoise und in einem Holzkarren  sitzend ist auch dabei (Rollstühle gab es damals noch nicht), und die gute Liù (Papas persönliche Altenpflegerin als  Geisha gewandet ) steht  auch herum (zur Erinnerung: Liù darf zwei der Highlights singen, einmal von der Rampe und einmal aus dem Fahrstuhl – beides macht sie recht brillant – und sich für den Prinzen opfern). Nur die Polizei ist nach dem Vorbild der deutschen Bundespolizei  modern ausgerüstet. Eine in sich konsequente Entscheidung des Kostümbildners. Die Prinzessin mit ihrem zum Totschlagsyndrom sublimierten Kastrationskomplex braucht halt eine starke Schutztruppe. Nach der zweiten Pause schmettert der Prinz auf leerer Bühne direkt von der Rampe aus sein berühmtes „Nessun dorma“ drohend ins Publikum. Und ich hab‘ mich nicht getraut einzuschlafen, obwohl mir danach zu Mute war.  Wir waren ja auch sowieso damit beschäftigt, immer wieder  im Dunklen nach den Drei-D -Brillen  zu  suchen, die uns die Intendanz kostenlos zur Verfügung gestellt hatte, damit wir das Spektakel auch dreidimensional genießen konnten.

Wer ein solch aufwendiges, kostspieliges buntes  Opernspektakel mag, wie  es in München Carlus Padrissa von der berühmt berüchtigten  La Fura dels Baus Truppe inszeniert, wer den zuckrigen Puccini Sound liebt, der sollte zur Münchner Turandot gehen. Er kommt dort auf seine Kosten – und das bei den hohen Eintrittspreisen auch im ganz konkreten Sinne.  Ich fand es nur schrecklich und frage mich,  ob die Musik des späten, todkranken Puccini wirklich so dünn ist, ob sie trotz der zwei oder drei Highlights so wenig hergibt, dass man sie mit einer aufwendigen Licht- und Video Show und einem großen Zirkusspektakel überblenden und tot schlagen muss und ob man  noch dazu das handlungsarme Stück  mit zwei   langen Pausen auseinander reißen muss, um auf einen knapp dreistündigen Opernabend zu kommen. „Allein, was tut’s“. Das Haus war ausverkauft, ein begeistertes Publikum feierte seinen einstigen Generalmusikdirektor, der an diesem Abend am Pult stand, begeistert, noch bevor er überhaupt den Taktstock hob, raschelte insbesondere bei den Piano Stellen mit seinen Drei -D- Brillen, beklatschte die Sänger, obwohl es so viel gar nicht zu beklatschen gab und  zog beglückt und zufrieden nach Hause. Welch schöner bunter Opernabend in der Bayerischen Staatsoper. Der Kritiker von der FAZ, der sich unfreundlich über die Münchner Turandot geäußert habe, sei doch nur „ein frustrierter Mensch“ – so wusste ein Herr im Smoking im Foyer lautstark seiner Begleiterin zu berichten. Auch ich bin an diesem Abend frustriert aus der Münchner Oper gegangen. Ein Glück, dass wir wenigstens im „Blauen Haus“ noch einen Platz gefunden haben. Die Pasta war wie immer ausgezeichnet.

Wir sahen die Vorstellung am 10. Dezember 2011. Die Premiere war am 3. Dezember 2011.

Tenor Popstar und Sopran Diva im edlen Sängerstreite. Les Contes de Hoffmann an der Bayerischen Staatsoper

 

Bei Hoffmanns Erzählungen, das notierte ich mir, als wir vor ein paar Wochen die Essener  Hoffmann Inszenierung sahen, da ist es gleich, wer dirigiert und wer inszeniert.  Was für das Aalto Musiktheater gilt, das gilt nicht minder für die Bayerische Staatsoper:  bei Hoffmanns Erzählungen ist das Haus  immer voll. Wenn man für die Rolle des Trunkenbolds und Literaten  Hoffmann noch einen lyrischen Tenor hat, dem das Dramatische nicht fremd ist und  wenn man des weiteren eine Sopranistin hat, die die scheinbar mechanischen Koloraturen der Olympia  und das lyrisch-sentimentale Singen der Antonia in gleicher Weise beherrscht und  überdies noch eine etwas verruchte Kurtisane Giulietta mimen kann und wenn die Intendanz, wie jetzt in München geschehen, mit Rolando Villazón und Diana Damrau auch gleich zwei Superstars für die Hauptrollen engagieren kann, dann sind nicht nur alle Vorstellungen ausverkauft. Dann stehen noch viele Interessierte  im Portikus des Bayerischen Musentempels und schauen vergeblich nach Karten aus.… → weiterlesen

Rokoko Porzellanfiguren im Sommernachtstraum. La Finta Giardiniera im Prinzregententheater

Die Opernproduktionen der Bayerischen Theaterakademie und der Münchner Hochschule für Musik und Theater sind  ein Geheimtipp für Opernfans in München. Nein, besser: sie waren ein Geheimtipp, denn wie schon bei Le Nozze di Figaro ist auch jetzt bei der Finta  das Prinzregententheater ausverkauft – und dies zu Recht. Zu bewundern gibt es eine geistreiche, witzige Inszenierung, prachtvolle Rokokokostüme, ein Ensemble hochbegabter junger Künstler, die, wenngleich sie sich noch im Studium befinden, bereits jetzt so brillant zu singen und zu agieren wissen, dass man sie sich unschwer bald auf den großen Bühnen vorstellen kann.… → weiterlesen

Kinderträume und Kindernachtmären. Mitridate, rè di Ponto bei den Münchner Opernfestspielen 2011

Kinderträume und Kindernachtmären. Mitridate, rè di Ponto bei den Münchner Opernfestspielen  2011

Lohnen die Münchner Opernfestspiele noch immer den Besuch? Manchmal kommen mir Zweifel. Vor ein paar Jahren sahen wir dort eine gänzlich heruntergespielte Meistersinger Aufführung. Auch die Ariadne, eine Robert Carsen Inszenierung, die mich vor zwei Jahren bei der Premiere begeisterte, hatte jetzt bei der Wiederaufnahme … → weiterlesen

Belcanto mit Modenschau. I Capuleti e i Montecchi an der Bayerischen Staatsoper

Belcanto mit Modenschau. I Capuleti e i Montecchi an der Bayerischen Staatsoper

Für Bellinis Belcanto Opern braucht man eigentlich nur zwei oder drei herausragende brillante Sänger. Und dann kann schon nichts mehr schief gehen. Bei Bellinis  reduzierter Variante  des Romeo und Julia Mythos tun es sogar zwei: eine Mezzosopranistin, die sich auf lyrisches und zugleich dramatisches Singen versteht, für  die Partie des Romeo und ein sanfter lyrischer Sopran für die Rolle der Julia. In München gehören solch herausragende Sängerinnen, wie sie Bellini verlangt, zum Ensemble. Ideale Voraussetzungen für einen großen Belcanto Abend. Und diesen bot auch die Münchner Oper – und zugleich präsentierte  sie (nein, nicht im Zuschauerraum, sondern auf der Bühne) eine Haute Couture Show. Modeschöpfer  Christian Lacroix – im Nebenberuf auch für die Bühne tätig – , der sich bei dem grauschwarzen Biedermeierdress, den er den Herren zugesteht, noch in Zurückhaltung übt, schwelgt bei den Damen geradezu in Farben und teuren Stoffen, kleidet die Choristinnen in verschwenderisch prachtvolle bunte Abendroben  und lässt sie zu Beginn des zweiten Akts auch noch einzeln wie die Mannequins über eine große Treppe schreiten – zur Freude der modebewussten Damen im Publikum. Die arme Giulietta hingegen staffiert er zum  naiven Rauschgoldengelchen aus, das bei seiner Romanze im ersten  Akt  zur Abkühlung des Liebesfeuers auf ein Waschbecken klettern muss („Un refrigerio ai venti / io chiedo invano“) und das zu Beginn des zweiten Akts mit seinen nackten Beinchen ganz einsam auf der Vorderbühne steht und so rührend schön und traurig singt, dass sogar der unruhige Jungmann, der vor mir saß und dem es bei der Romeo und Julia Geschichte wohl  unbehaglich wurde, einen Augenblick der Ruhe fand. Zum Inszenierungskonzept, wenn es denn eines gab, ist nicht viel zu sagen. ‚Liebe als Passion’ in einer vollkommen abgeschlossenen Biedermeierwelt, aus der es keinen Ausweg gibt und die zwangsläufig im romantischen Liebestod enden muss, in einem verklärenden Liebestod, fern aller ‚Realität’, fern von jeglichem zuckrigen Pathos. War es das? ‚Allein was tut’s’. Bei Bellini und seinem Belcanto sind  Dekor, Kostüme und  Regie letztlich doch nur eine quantité negligeable, wenn nur ‚schön’ gesungen wird. Und ‚schön’ gesungen wurde allemal. Wir sahen die Aufführung am 30. März, die zweite Vorstellung nach der Premiere am 27. März 2011.

Nachtrag vom 9. April.  Ich war heute Abend noch einmal bei Romeo und Giulietta – und war begeistert. Das Münchner Liebespaar, zwei schmächtige junge Sängerinnen (Tara Erraught und Eri Nakamura), singt so überragend ‚schön’, spielt den narzisstischen Liebeswahn so rührend schön, wirkt auch in seinem Outfit so rührend naiv, dass das Publikum geradezu verzaubert ist. Und auch die Inszenierung gewinnt  beim zweiten Sehn. Sie setzt –  anders als es der erste Eindruck nahe legt –  auf eine konsequente Ästhetisierung  und geradezu manieristische Stilisierung von Geschehen und Ambiente, transponiert die Handlung in eine unbestimmte Biedermeierwelt, verzichtet zu Gunsten von Tableaux Vivants  auf jeglichen Bezug auf eine wie auch immer geartete ‚Realität’. In Schönheit lieben und sterben – vielleicht ist dies das Motto der Münchner Bel Canto Inszenierung. Kitsch? In jedem Fall ein schöner Kitsch

Alcina die Komödiantin. Ein grandioser Händel Abend in der Hochschule für Musik und Theater München

Alcina die Komödiantin. Ein grandioser Händel Abend in der Hochschule für Musik und Theater München

Es muss ja nicht immer gleich Maestro Harnoncourt sein. Es muss ja nicht immer gleich Bejun Mehta sein. Es muss ja nicht immer gleich ein Hochkulturevent sein. Auch in der Münchner Musikhochschule weiß man auf hohem Niveau zu singen und zu spielen, zu dirigieren und zu inszenieren – mit einem Wort: das Publikum zu faszinieren und zu begeistern. Vor ein paar Monaten hatte ich schon eine Aufführung der Münchner Hochschule gesehen –  Le Nozze di Figaro – und war begeistert. Und jetzt bei der Alcina ist die Begeisterung nicht minder groß, wenn ein internationales Ensemble hochbegabter junger  Sängerschauspieler so scheinbar ganz ohne Mühe in den so schwierigen Händelkoloraturen nicht nur brilliert, sondern diese noch dazu mit großem schauspielerischen Talent gestaltet. Ich will keine Namen nennen: sie haben mir alle gefallen: die Primadonna, die Magierin Alcina, die sich bei jedem Auftritt in eine andere Theaterfigur verwandelt und in der Schlussszene, als die Scheinwelt der Komödiantin zerstört ist, ganz konsequent als abschminkte Schauspielerin auftritt. Ruggiero, der Primo Uomo: – er wird in München von einer Mezzosopranistin gesungen – ein  sich ständig am Whisky berauschender Oscar Wilde Verschnitt. Morgana, die Seconda Donna als Maskenbildnerin der Komödiantin Alcina. Oronte in seinem weißen Anzug und der verspiegelten Brille ein Dandy, der geradewegs aus dem Kirschgarten herübergelaufen sein kann. Bradamante und sein Mentor Melisso auf der Suche nach dem verschwundenen Ruggiero: auch sie verweisen auf Film- oder Theaterfiguren. Vielleicht auf Sherlock Holms und Dr. Watson? Ganz im Sinne der Poetik des barocken Theaters nimmt die Regie den Alcina Mythos (oder seine Variante: den Armida Mythos) als Chiffre der Verwandlung, der Verzauberung, mit einem Wort: als Chiffre der Scheinwelt des Theaters und macht  Bühne (einen Laufsteg, an dem zu beiden Längsseiten die Zuschauer sitzen) und  Zuschauerraum zugleich zur Spielstätte. Alles ist Theater, alles ist nur Illusion und Schein. Und die Musik? Als ‚musica celeste’  kommt  sie von oben. Oberhalb der Frontseite des Laufstegs – für die Zuschauer kaum sichtbar – sitzt das Orchester. Wenn man so will: das ‚unsichtbare Orchester’, dieses Mal  nicht bei Wagner, sondern bei Händel: das „Barockorchester des Studios für historische Aufführungspraxis der Hochschule…“.  Eine große, eine brillante Händel  Aufführung.  Wir sahen die Aufführung am 27. März. Die Premiere war am 18. März 2011.