Führer, Verführer, Verführte und ein Ende ohne Hoffnung: Rienzi und Lohengrin an der Deutschen Oper Berlin

Wann hat man schon Gelegenheit, Wagners frühe Grand Opéra, seine „große tragische Oper“, und Lohengrin, seine „romantische Oper“,  gleich hintereinander an zwei Abenden zu hören und diese in Inszenierungen zu sehen, die von der gleichen Grundkonzeption ausgehen und doch in der Ausgestaltung dieser Grundidee so gänzlich verschieden sind. Beide erzählen vom Aufstieg und Fall einer charismatischen Persönlichkeit, die  als Retter aus einer Zwangslage erscheint, die es versteht, die Massen für sich einzunehmen und diese zu manipulieren. Rienzi wie Lohengrin, beide sind  sie Politiker, die sich selber inszenieren: der eine  als  Meister der Propaganda und  brutaler Diktator, der sein Volk und sich selber in den Untergang führt, der andere  als ein scheinbar sanfter  und  doch zugleich unerbittlicher  Machtmensch, der  unbedingtes Vertrauen und unbedingten Gehorsam verlangt, der sich mit der Aura des Heiligen und Geheimnisvollen umgibt und gerade dadurch die Massen manipuliert. Eine  politische Interpretation der beiden Protagonisten, die bei der Figur des Volkstribunen Rienzi evident ist und sich aus der Handlung gleichsam von selber ergibt, die indes bei der Figur  des Lohengrin überrascht und sich am Ende doch als nicht minder evident erweist.… → weiterlesen

Huis Clos. Die Mär von den Eingeschlossenen. Christof Loy inszeniert Jenufa an der Deutschen Oper Berlin

Hinter verschlossenen Türen („Huis Clos“) leben sie alle. Eingeschlossen sind sie alle: die Küsterin, die Kindsmörderin, die in der Zelle an ihrem Tisch hockt und  ihre und Jenufas Geschichte sich noch einmal in Erinnerung ruft und diese gleichsam als Spielleiter für uns Zuschauer in Szene setzt und sich dabei selber als eingeschlossenen in die Konventionen des Dorfes vorführen muss. Konventionen, die sie dazu zwingen, wenn sie  für ihre Stieftochter einen Ehemann finden will, deren uneheliches Kind beiseite zu schaffen. Eingeschlossenen in ihre Träume und Triebe ist die junge Dorfschönheit Jenufa, die da von der großen Liebe träumt und mit einem gewalttätigen verschmähten Liebhaber, der angeblich zum sanften Ehemann mutiert ist, in der Ehehölle enden wird, die sich im Finale als großer schwarzer Raum vor ihr auftut. Eingeschlossen in sein Machogehabe ist Jenufas primäres Objekt der Begierde. Unmöglich ist es ihm, aus der Rolle des Machos heraus zu treten und die ihm von Jenufa aufgedrängte Rolle des Ehemanns anzunehmen.  Eingeschlossen in ihre Gebräuche sind die böhmische Trachten tragenden Dörfler. Das Eingeschlossen-Sein und das sich gegenseitige Quälen  ist die Grundkonzeption der Inszenierung, eine Konzeption, die Loy  – offensichtlich frei nach Sartres Huis Clos  – zur Metapher der ‚Existenz‘ erhebt.… → weiterlesen

Deconstructing Max und die Männlichkeitsrituale gleich mit. Der Freischütz an der Komischen Oper Berlin

Ein schärferer Kontrast ist kaum denkbar. Am Freitagabend sahen wir in Madrid eine klassisch stilisierte, der Ästhetik des Schönen verpflichtete Clemenza di Tito, bei der alle Leidenschaft, so bedrohlich sie auch sein mag, doch immer maßvoll bleibt, eine Inszenierung, die in keinem Augenblick gegen die Konventionen verstößt oder gar das Publikum in seinen Vorstellungen und Erwartungen schockiert und provoziert. Am Sonntagabend sahen wir in Berlin einen den Trash stilisierenden, der Ästhetik des Hässlichen verpflichteten Freischütz, bei dem alle Leidenschaft bedrohlich und tödlich, sadistisch und pervers wird, sich maßlos austobt, eine Inszenierung, die permanent gegen die Konventionen verstößt, die das Publikum ständig provoziert und schockiert – und es glänzend unterhält.… → weiterlesen

Belcanto Kulinarik in Luxusausführung und der Rest ist Schweigen: Gioacchino Rossini, Tancredi an der Deutschen Oper Berlin

Es war beinahe alles so wie vor ein paar Wochen bei Donizettis Linda in Barcelona: höchst brillante Sänger – eine Inszenierung aus dem Opernmuseum. Der einzige, allerdings entscheidende Unterschied zum Teatre del Liceu: in Berlin  wird nicht müd und matt musiziert. Hier wetteifert das Orchester der Deutschen Oper unter der Leitung von Alberto Zedda, dem Rossini Spezialisten schlechthin, in Brillanz  und Perfektion mit den Sängern. Einen so schwungvollen Rossini, bei dem zugleich  alle Orchesterstimmen solistisch  erklingen, habe ich schon lange nicht mehr gehört. Und wenn auf der Bühne Patrizia Ciofi als unglückliche Amenaide und Hadar Halévy als nicht minder unglücklicher Tancredi in den Rossini Koloraturen  brillieren, dann wird in der Tat  Belcanto vom Allerfeinsten  geboten.… → weiterlesen

Die Wonnen des katholischen Fundamentalismus oder Zwangskonversion in der Hotelbar. lI Trionfo del Tempo e del Disinganno an der Staatsoper im Schillertheater

In Berlin präsentiert Jürgen Flimm seine vor  Jahren erfolgreiche Zürcher Inszenierung von Händels frühem Oratorium Il Trionfo del Tempo e del Disinganno noch einmal  –  eine Inszenierung, die auch jetzt bei der Wiederaufnahme  noch immer einen zwiespältigen Eindruck hinterläßt. Doch wie schon in Zürich hat Flimm auch in Berlin das Glück, dass Marc Minkowski am Pult steht. Und wie schon in Zürich macht auch in Berlin  der Maestro aus Händels Trionfo einen ‚Triumpf‘ für sich und seine Musiker.

Was ich mir damals in Zürich notierte, im Jahre 2006 und  dann ein knappes Jahr später im Januar 2007, das gilt auch für die Aufführung in Berlin, und so ztiere ich mich der Einfachheit selber.

Die bekannte Affinität zwischen Oratorium und Oper verführt seit langem dazu, die dramatische Anlage des Oratoriums für szenische Bearbeitungen zu nutzen. Das funktioniert leicht bei Handlungsoratorien wie etwa Saul. Aber bei allegorischen Oratorien? Wie soll es dann gehen? … → weiterlesen

Offenbachiade – ohne Klamauk. Emmanuel Chabrier, L’Étoile an der Staatsoper im Schillertheater

Wann hat man schon Gelegenheit, zwei Stars der Musikszene in einer ganz normalen sonntäglichen Repertoireaufführung zu erleben. Und noch dazu nicht bei Wagner oder Strauss, sondern in einer opéra bouffe aus der Belle Époque: Simon Rattle  als Dirigent der Staatskapelle Berlin  und Magdalena  Kozena in der Rolle des androgynen Straßenhändlers Lazuli, der statt vom König ins Jenseits befördert zu werden, die Prinzessin kriegt. … → weiterlesen