Ein Schuss im späten Nachsommer. Tristan und Isolde bei den Junkies und im Altenheim. Ein szenisch misslungener Tristan an der Deutschen Oper Berlin

Da ist wieder einmal einem unserer renommierten Theatermacher wirres Zeug durch die Birne gerauscht. Nichts von Passion und Liebestrank. Eine hysterische überreife Dame springt im weißen Unterkleid und  in Omas Strickjacke herum  und überredet einen gesetzten Herrn aus großbürgerlichen Kreisen sich gemeinsam einen Schuss zu setzen – in einem Salon, wo der Couchtisch ein Sarg ist, wo eine Schar Jungmänner aus der Unterschicht mit ihrer Potenz nicht zu Rande kommt und lüsterne Blicke auf die Dame im Unterkleid wirft,  wo ein Herr Tristan auf der Couch Albträume hat. In seinen Träumen sieht er sich selber als Jüngling, dem sich ein hübsches Mädchen im Eva-Kostüm nähert und  ihn entführt. Dann gibt es noch einen Junkie mit Entzugssyndrom und einen jungen Herrn im Maßanzug, der die ganze Zeit über im Sessel sitzt und durch eine Fensterfront ins Nirgendwo schaut. Ja, wir haben es gleich erraten, das ist der gute König, der von all dem, was um ihn herum geschieht,  nichts wissen will.  Im Finale wälzt sich Tristan in seinem Zweireiher auf der Couch herum – ohne Isolde. Der Schuss, den er sich verpasst hat, der hat ihm halt mächtig zugesetzt.… → weiterlesen

Friedhofsmärchen mit Bauerntheater-Einlagen nebst bunten Videospielen zum Wagner Sound. Götterdämmerung an der Staatsoper im Schillertheater

Wagner  „ist verhängnisvoll für das Weib“. „Ganz Opfer, ganz Hingebung: man hat nichts, was man ihm nicht geben würde“. „Das Weib verarmt sich zugunsten des Meisters, es wird rührend, es steht nackt vor ihm“. Eine Beschreibung der Wagnerianerin, die ich bisher immer für eine satirische und misogyne Bemerkung Nietzsches gehalten habe. Dass die Realität die Satire übertreffen kann, am vergangenen Sonntag nach der Premiere zur Berliner Götterdämmerung, dort hab ich‘s erlebt. Kaum war der letzte Akkord verklungen, brach eine Dame mittleren Alters in der Reihe hinter mir in kreischendes Geschrei aus, konnte sich überhaupt nicht mehr beruhigen, schrie nur immer lauter und hysterischer.  War das der berüchtigte Orgasmus in der Opernloge, den der „alte Minotaurus“ namens Wagner ausgelöst hatte? Aber vielleicht hat die Dame auch nur eine Opernaufführung mit einem Pop Konzert verwechselt. Nicht zuletzt wegen dieses für alle Umstehenden  schmerzhaften Brunstgeschreis sind wir noch beim Applaus aus dem Parkett geflüchtet. Grund zu übermäßigem Beifall gab auch nicht. Was da am langen Premierenabend im Schillertheater geboten wurde, war, um es freundlich zu sagen, eine recht konventionelle Götterdämmerung.… → weiterlesen

Was Sie schon immer über Amore wissen wollten – der Doktor Neuenfels sagt’s Ihnen.

Das Libretto – so ließ der berühmte, stets für ein Quentchen Theaterskandal aufgeschlossene Regisseur schon zur Probenzeit die ihm wohl ehrfürchtig Lauschenden wissen, das Libretto fände er „doof“  und deswegen habe er ein neues verfasst. Mit Verlaub, hoch geschätzter Theatermann, so wäre im selben platten Jargon zu antworten, Ihr Libretto finde ich oberdoof. Sie haben aus einer Buffa einen langweiligen Schmarren gemacht.

Auch wenn man Ihre Kalauer, Ihre Freud-Albernheiten, Ihre Zauberflöte-Anleihen, Ihre Verweise auf die Illusionsmaschine des Barocktheaters,  Ihr halbseniles adliges Paar, das sich an der Beobachtung  erotischer Mechanismen verlustiert, Ihre Metatheater-Einlagen („Ich fand den Herren ohnmächtig in der Kulisse, er sagte, er hieße Ramiro“ – “ Entschuldigen Sie, wir müssen umbauen“.), auch wenn man dies alles wohlwollend  als postmoderne Ironie versteht, dann hat diese Postmoderne schon reichlich Patina angesetzt und produziert nicht Lachen, sondern Gähnen. Mir bleibt  unerfindlich, dass der renommierte Theatermacher Neuenfels ‚verdrängen‘ konnte, dass das 18. Jahrhundert die ‚Hochzeit‘ der Liebesdiskurse ist, die Zeit, in der lustvoll mit der Liebe experimentiert wird, in Theater und Oper die Liebesdiskurse in allen ihren Varianten sozusagen durchdekliniert wurden – zum Vergnügen und zum Ergötzen des Publikums, das diese Diskurse kannte. Nichts anderes tut der von Ihnen so gering geschätzte, von Ihnen für „doof“ erklärte Librettist der Finta Giardiniera. … → weiterlesen

Tod in Arkadien – Zurück in den Nachsommer – Lust und Gewalt in Marlenes Cabaret. Ein Monteverdi-Marathon in der Komischen Oper Berlin

Alle drei Monteverdi Opern an einem Tag, von morgens um 11 bis abends um 11, da braucht’s bei Mitwirkenden und Publikum viel Passion und reichlich Kondition. Sagen wir es gleich und ohne alle Umschweife. Das Haus war auch noch am späten Abend  voll besetzt. Von Müdigkeit oder gar Erschöpfung keine Spur, weder im Saal noch auf der Bühne noch im Orchestergraben. Und dies bei einer Inszenierung, die ganze Kohorten von Darstellern auf Bühne und Passarelle agieren liess und bei einer Musik, die sich nicht mit klassischen Monteverdi Klängen begnügt, sondern in der Bearbeitung durch Elena Kats-Cherin ganz gezielt auf eine Aktualisierung Monteverdis hinarbeitet. „Wir schlagen die Brücke zurück von der modernen Popmusik hin zu Monteverdi“, bemerkt hierzu die Komponistin. Und in der Tat klingt die so neu drapierte ehrwürdige Monteverdi Musik manchmal wie der Soundtrack für ein Revuetheater. Barrie Koskys Inszenierung, die mit Ausnahme des Ulisses ganz auf das grosse Spektakel hin angelegt ist, verstärkt noch diese Tendenz zur Revue und  zielt darüber hinaus auf Varianten und neue Deutungsmöglichkeiten der vorgegeben Texte.… → weiterlesen

Traumanaloge Märchen in Hologramm oder die Inszenierung findet nicht statt. Siegfried an der Staatsoper im Schiller Theater

Was ich mir zur Berliner Walküre notierte, gilt in gleicher Weise für den Berliner Siegfried: brillante Sänger, ein Orchester der Spitzenklasse, ein sanfter Wagner Rausch ohne jegliches Gedröhne, eine Inszenierung ohne jeglichen intellektuellen Ehrgeiz.

Man muss ja von einem Opernregisseur nicht gleich ein Welterklärungsmodell erwarten. Auch Ideologiekritik, Rezeptionsgeschichte, intermediales Spektakel, Metatheater, aktualisierende Varianten des Mythos, all das muss ja nicht unbedingt sein.  Der belgische Theatermacher Guy Cassiers, der beim Berliner Ring für Inszenierung und Ausstattung verantwortlich zeichnet, ist da weit bescheidener. Für Cassiers ist der Siegfried ein Märchen, der Kindertraum vom starken, unbedarften Jungen, … → weiterlesen

Farinelli und Senesino und die Zicken im edlen Streite. Grosses Barocktheater nebst Selbstparodie in Händels London. Stefan Herheim inszeniert Xerxes an der Komischen Oper Berlin und jetzt in Düsseldorf

Grosse Show in Gesang und Szene, prachtvolle Kostüme, aufwendige Ausstattung, Effekte, die verblüffen und Erstaunen erregen. Maraviglia und Stupore, eben eine grosse Show, dies war es, was die Barock Ästhetik von den Künstlern verlangte und was ein verwöhntes Publikum auch einforderte – und was auch dem heutigen Publikum gefällt.

Im Xerxes werden alle die genannten Erwartungen erfüllt und übererfüllt: gleich fünf hohe Stimmen im Wettstreit und Genderswitching als Zugabe, ein Spiel zwischen Ernst und Scherz und Schein und Sein. Vorgaben, die die Regie nicht nur aufnimmt, sondern noch dazu parodiert, ironisiert und zu übertreffen sucht und damit implizit ein weiteres Dogma der Barock Ästhetik erfüllt, eben das Übertrumpfen der Vorbilder.
Die Theatermaschinerie zaubert, wie sich das für ein barockes Spektakel gehört, alles herbei: Händels Arbeitszimmer, Strassenszenen in London, die Schiffsbrücke über den Hellespont und deren Zerstörung im Sturm, arkadische Landschaften mit Hirten, Schafen und scheinbar bösen Bären, olympische Hochzeitsfeierlichkeiten, die berühmte Platane des Xerxes und noch vieles mehr. Und zugleich zeigt die Inszenierung mit Metatheater Gestus, dass dies alles doch nur Schein ist, Theater auf dem Theater: die Kulissen tragen die Techniker auf offener Bühne herein und heraus, die Akteure spielen in und hinter den Kulissen für sich selber. Als das Spiel zu Ende ist, da hocken sie müde und erschöpft auf der Rückseite der Kulissen, schauen ins Publikum, scheinen überrascht zu sein, dass sie doch für andere und nicht nur für sich selbst gespielt und gesungen haben.
Waren die (Liebes)Streitereien nun Schein oder Sein? Waren die Auseinandersetzungen zwischen Xerxes und seinem Bruder Arsamenes vielleicht ein Konkurrenzkampf zwischen zwei rivalisierenden Sängern auf Händels Londoner Bühne? War der Zickenkrieg, den sich die beiden Schwestern lieferten, vielleicht ein Eifersuchtsstreit, den die Primadonna mit der Seconda Donna in den Kulissen ausfechtet? Was will die als Offizier verkleidete Amastris eigentlich von dem androgynen Xerxes? Vielleicht eine lesbische Liebe? Alles ist nur Schein. Oder vielleicht vorgeblicher Schein? „Hacer parecer es el arte de las artes“ – so lautet das Credo der barocken Ästhetik und der barocken Lebensart.

Keine Frage, dass eine Barockoper wie Xerxes geradezu ideales Spielmaterial einem Theatermacher wie Stefan Herheim anbietet, Material, das sich ihm als Sprungbrett für die Imagination anbietet und aus dem er, wie nicht anders zu erwarten war, großes Musiktheater zu machen weiss. Und wenn ihm wie jetzt in der Komischen Oper ein exzellentes und spielfreudiges Ensemble zur Verfügung steht, dann erfährt das Publikum in der Tat Maraviglia und Stupore, Erstaunen und Verblüffung – ganz wie im Barocktheater. Doch die implizite Ironie und nicht minder die explizite Parodie, mit der das Spektakel in Szene gesetzt wird, holt uns Zuschauer in die Gegenwart zurück. Die Postmoderne hat noch nicht gänzlich ausgedient.

Wir sahen die Aufführung am 15. Juni 2012, die siebte Vorstellung “ seit der Premiere am 13. Mai 2012″.

Nachtrag vom 6. Februar 2013

Inzwischen hat die Deutsche Oper am Rhein (Düsseldorf) die Stefan Herheim Inszenierung übernommen, die Rolle der Primadonna mit Heidi Elisabeth Meier und die Titelrolle mit Valer Barna-Sabadus besetzt – und der Erfolg ist überwältigend. Die Aufführung übertrifft noch die schon hochrangig besetzte Berliner Aufführung, und dies vor allem dank Valer Barna-Sabadus.  Den neuen Star unter den Countertenören ‚live‘ zu hören und zu sehen, lohnt alle Male die Reise nach Düsseldorf. Dieser junge Sänger ist in seiner Brillanz und Manieriertheit fürwahr eine Ausnahmeerscheinung. Einen „Meister des Falsettgesangs“ nennt ihn  zu Recht die Kritikerin der FAZ. Hört und sieht man diesen grandiosen Künstler in Herheims barocker Inszenierung, dann erlebt man geradezu eine Zeitenverschiebung, glaubt man sich zurückversetzt in Händels Londoner Opernwelt.