Parsifal unter Kriminellen. Eine in Musik und Szene höchst gelungene Aufführung an der Staatsoper im Schiller Theater

Sagen wir es gleich ohne alle Umschweife. Am Ostermontag war in Berlin  ein Wagner zu hören, der geradezu süchtig machte, ein Parsifal, den Maestro Barenboim mit der Staatskapelle bis in die subtilsten Nuancen zelebrierte. Eine Musik, wie man sie sich nicht schöner und besser vorstellen kann. Und gleiches gilt für die Sänger: Anja Kampe als Kundry, René Pape als Gurnemanz, Wolfang Koch als Amfortas, Andreas Schager in der Titelrolle, um nur die Sänger der tragenden Rollen zu nennen. Orchesterklang und Gesang vom Allerfeinsten. Allenfalls im dritten Akt, so schien es mir, war wohl im Graben und auf der Szene und vor allem im Publikum eine Spur von depressiver Müdigkeit zu bemerken.… → weiterlesen

Albträume, erotische Phantasien, mütterliche Sehnsüchte einer verklemmten jungen Frau? Ein Fall für die Couch von Dr. Freud? The Turn of the Screw an der Staatsoper im Schillertheater

The Turn of the Screw hatte ich vor gut zwei Jahren zuletzt in Düsseldorf gesehen und war von Musik und Szene beeindruckt, besser gesagt: fasziniert. Diese so eingängigen kammermusikartigen Klänge, die verwirren und den Zuhörer zugleich einfangen. Vieldeutig wie die Szene. In Düsseldorf hatte die Regie, wenn ich mich recht erinnere, den Hauptakzent wohl auf das Grauen, das Gespenstische, auf das Verschwimmen von Wahn und Wirklichkeit gesetzt. Mit einem Wort: die Regie hatte vor allem die schwarze Romantik evoziert.

Keine Frage, dass – wie schon in Düsseldorf – auch in Berlin (hier unter der Leitung von Ivor Bolton) ein Britten der Spitzenklasse erklingt – mit einer Besonderheit. Im Gegensatz zu Düsseldorf wird in Berlin die Rolle des Miles nicht von einem Knabensopran, sondern von einem jungen Countertenor gesungen – mit dem Effekt einer stärkeren Erotisierung, ein Effekt, der nicht zuletzt der Szene und der Beziehung zwischen Miles und der Governess zu Gute kommt.

Erträumt sich die Governess das ganze Geschehen, erträumt sie sich den pubertierenden Knaben als Sexualobjekt? Sind die Gespenster, die sie zu sehen und zu hören glaubt und die angeblich den Knaben und das Mädchen vernichten wollen, nur Wahnvorstellungen der jungen Frau? Ist die Governess nicht ein pathologischer Fall? All dies und noch vieles mehr deutet die Regie an und lässt doch alles in der Schwebe, lässt der Imagination der Zuschauer freien Raum, auf dass diese die Lösung des Rätsels finden mögen, eine Lösung, die es nicht gibt.

Nur einmal, ganz zu Anfang, lenkt die Regie die Imagination der Zuschauer in eine bestimmte Richtung, in die Richtung des Traumdiskurses. Nach dem pantomimischen Gespräch mit dem Vormund der Kinder macht sich die Governess – so will es das Libretto – auf die Reise zu den Kindern. Die Reise – so will es die Regie – findet nicht statt. Statt zu reisen, fällt die Governess in Schlaf, in einen Schlaf – so heißt es einmal bei Goya in den Caprichos – „que produce monstruos“. Monster werden in diesem Schlaf nicht nur die Kinder. Die scheinbar so gütige und scheinbar am Wohl der Kinder so interessierte Governess wird selber zum Monster, das den Jüngling Miles erwürgt. Alles nur ein Traum, ein Albtraum? Eine mögliche Deutung des Geschehens, die die Regie vorschlägt, ohne sie indes dem Zuschauer aufzwingen zu wollen. Mag er sich selber einen Reim machen auf das, was er da auf der Szene sieht. Libretto wie Inszenierung sind „offene Kunstwerke“.

Claus Guth als Regisseur und Maestro Ivor Bolton haben uns wie schon so manches Mal an anderen Orten auch in Berlin einen großen Opernabend bereitet.

Wir sahen die Aufführung am 27. November. Die vierte Vorstellung in dieser Inszenierung. Die Premiere war am 15. November 2014.

Tristan und Isolde – einmal ohne Wagner. Frank Martin: Le Vin herbé. Der Zaubertrank in der Staatsoper im Schiller Theater

In Berlin ist eine Rarität – für mich eine absolute Rarität – zu hören und zu sehen. Musik von Frank Martin hatte ich noch nie gehört, ein Versäumnis, das mir nach dieser faszinierenden Aufführung geradezu peinlich ist.

Frank Martins Tristan Version ist ein „Weltliches Oratorium nach drei Teilen des Romans Tristan e Iseut von Joseph Bédier für 12 Singstimmen, 7 Streichinstrumente und Klavier“.  Minimalismus pur in der Musik – und in der Szene. Katie Mitchel löst das Geschehen radikal aus seinem mittelalterlichen Ambiente und transponiert die Handlung in das Jahr 1942, das Jahr der „Uraufführung der abendfüllenden Fassung“, und lässt sie in einem von den Kriegswirren halbzerstörten Theater spielen. Als Dekor genügen ein paar Tische und Stühle, eine Feuerstelle, ein Bett: Ort der Liebe und des Todes für Tristan und Isolde. Kostüme: schwere Wintermäntel und die Alltagskleidung jener Zeit. Ganz entsprechend der Aufführungspraxis eines Oratoriums sind die  zwölf Sänger alle Zeit auf der Bühne präsent. Einzelne treten hervor, singen und gestalten ihre jeweilige Rolle, um dann wieder zurück zu treten  und sich in den Chor wieder einzufügen. Oratorium und Theater gehen geradezu unmerklich ineinander über, wobei das Oratorium immer wieder die Theaterillusion zerstört und damit den Zuschauer auf Distanz hält. Tristan und Isolde ohne Rausch.

Frank Martin hat neben Prolog und Epilog drei Episoden aus Bédiers Tristan Fassung in Musik, in Kammermusik und in Gesang, transponier: „Der Liebestrank“, „Der Wald von Morois“ [dorthin waren Tristan und Isolde geflohen. Dort findet der König das schlafende Paar, verschont es und verzeiht ihm], „Der Tod“. Zur Musik mögen die Musikhistoriker das Nötigen wissen und sagen. „Martins Musik kennt weder Arien noch Rezitative, sondern verwendet eine fließende, den Text Silbe für Silbe vertonende Deklamation, die sich ans französische Sprachmelos anschmiegt und viel dem Vorbild von Debussys Pelléas et Mélisande verdankt“(Uwe Schweikert im Programmheft Seite 19). Der Wagner Bewunderer, der von dessen Tristan Klängen wohl Deformierte, mag enttäuscht sein. Doch jeder Vergleich zwischen Wagner und Martin ist von vornherein abwegig. Es ist halt etwas vollkommen anderes, was in Frank Martins Oratorium zu hören und zu sehen ist. Und doch berührt es den Zuhörer und dies nicht zuletzt wegen der Inszenierung, die mit minimalen Mitteln und mit brillanten Sängerschauspielern (allen voran Anna Prohaska und Matthias Klink in den Hauptrollen) faszinierendes Theater zu kreieren weiß.

Wir sahen die Aufführung am 26. April 2014, die neunte Vorstellung. Die Premiere war am 25. Mai 2013.

 

 

Tannhäuser mit Ballett und „Ausdruckstanz“ und mit Erotik aus dem Orchestergraben in der Staatsoper im Schiller Theater

Es muss ja nicht immer ein Tannhäuser gegen den Strich sein – ohne Erlösung und mit Selbstmord oder ein Tannhäuser als scheiternder Künstler mit Notenblättern unter dem Arm oder ein Tannhäuser, der von Albträumen und Wahnvorstellungen gequält wird oder ein Tannhäuser als Outlaw im Bordell der braven Bürger oder ein Tannhäuser, der mit Frau Venus eine schwarze Messe feiert und im Hospiz zu Charenton endet – und was es da sonst noch an Deutungsmöglichkeiten gibt.

An der Staatsoper im Schillertheater, wo die Choreographin Sasha Waltz Regie und Ausstattung des neuen Tannhäusers verantwortet, hat man sich für die einfachste Lösung entschieden. Ohne ideologischen Anspruch, ohne Weltverbesserungsabsicht, ohne zwanghaftes Suchen nach Originalität hält man sich einfach an das, was im Libretto steht und ergänzt Musik und Libretto mit Tanz, mit Ausdruckstanz und schafft so eine dritte Dimension. Eine durchaus gelungene Lösung – ganz wie man sie von eine Choreographin erwartet. Warum  ein Teil des Publikums lautstark sein Missfallen über die Inszenierung kundtun musste, kann ich nicht nachvollziehen. Wer lieber einen spektakulären  Tannhäuser sehen möchte, der sollte halt nach Dresden zu Konwitschnys oder nach Wien zu Guths Inszenierung fahren. Dort wird ihm  beide Male ein Tannhäuser A rebours geboten.

Was im Schillertheater auf der Szene geboten wurde – sieht man einmal von den eher peinlichen erotischen  Bodenturnübungen ab, die die Tanzgruppe zum Pariser Bacchanal in einer Art aufgewölbter Muschel absolvierte, sieht man von dieser missglückten Introduktion einmal ab, dann waren alle Ausdruckstänze einfach nur schön. Ganz gleich ob die Tanzgruppe nun Pilger, Jagdgenossen, eine junge Festgesellschaft spielte und tanzte und dabei eben Gesang und Text und Orchesterklang in Gestik und Bewegung umsetzte, all dies war alle Male überzeugend, ansprechend, einfach schön anzusehen.

Doch beim Berliner Tannhäuser steht nicht die Inszenierung im Zentrum. Ganz im Gegenteil. Orchesterklang und Gesang dominieren. Ich bin nicht unbedingt ein Barenboim Fan. Doch wie der Maestro mit der Staatskapelle an diesem Abend die glitzernde Erotik der Tannhäuser Musik hervorzauberte, das war schon höchst beeindruckend. Und wie Peter Seiffert, der nun fürwahr kein Jüngling mehr ist, bis in die letzte Szene hinein einen brillanten, makellosen Tannhäuser sang, das war nicht minder beeindruckend. Keine Frage: ein großer Opernabend in der Staatsoper.

Wir sahen die Aufführung am 27. April 2004, die vierte Vorstellung. Die Premiere war am 12. April 2004.

I

 

 

Vom Wahn und Tod der Sylvia Plath? Albträume auch für das Publikum beim Opernfestival „Infektion“ an der Berliner Staatsoper. – Eine gut gemeinte, doch schwer erträgliche Purcell/Oehring Collage

„AscheMond oder The Fairy Queen“ so nennen Komponist Oehring, Librettistin Wördemann und Theatermacher Guth ihr gemeinsames Opus. Ein eingespieltes Trio, spezialisiert auf hybride Kunstprodukte: auf Collagen aus Musik und Literatur mit einer Vorliebe für Traumdiskurse  und für Frauengestalten mit überbordender Phantasie, die das Wahnhafte streift.

Eine Konzeption, besser: ein Konstruktionsschema, eine Machart, mit der unser Trio unlängst in Düsseldorf mit einem Fliegenden Holländer Pastiche  recht erfolgreich war. Zur Collage hatte Tonsetzer Oehring im Sinne einer Replik auf Wagner eigene Klänge beigesteuert  und ausgiebig Wagner zitiert, hatte die Librettistin  sich mehr oder weniger  an Wagners Text orientiert und dazu viel Heine, Hans Christian Andersen und so manches andere zitiert. Und unser Theatermacher hatte dies alles mit gewohnter Imagination und Routine in Szene gesetzt.

Jetzt in Berlin  weist das scheinbar so bewährte Schema  leider schon erhebliche Verfallserscheinungen auf. Wäre da nicht die Purcell Musik, wären da nicht die von Marlis  Petersen und Bejun Mehta so brillant gesungenen Purcell Songs gewesen, die einsamen Highlights des Abends, dann wäre die so übermäßig in die Länge gezogene Aufführung  nur sehr schwer zu ertragen gewesen. Wie kann einem so intelligenten  und phantasievollen Theatermann wie  Claus Guth , dessen Arbeiten uns so viele Male  begeistert haben, nur entgehen, dass der von ihm erfundene Plot – ein Mann kommt in eine ausgeräumte Wohnung und erlebt  dort noch einmal die Traumata seiner Kindheit: die Wahnvorstellungen und den  Selbstmord der Mutter, die unverständigen Gäste, den fürsorglichen Hausfreund – wie kann es der Regie nur entgehen, dass dieser simple Psychoplot  eine Collage aus Shakespeare, Stifter, Heine, Sylvia Plath und  noch manchem anderen, so  viel Disparates, einfach nicht zusammenhalten kann? Dass noch dazu die ewigen Wiederholungen von Handlungssequenzen,  mögen sie sich auch von der Struktur des Traumdiskurses her rechtfertigen, doch nur Langweile und Überdruss bereiten. Glaubt  man den Ausführungen im  Programmheft, dann wollte das Produktionsteam gleichsam die Grundbefindlichkeit des Menschen in Musik, Sprache und Szene transformieren: “ den Schwebezustand zwischen Diesseits und Jenseits, Leben und Tod, Lieben und Verlieren“.  Gemessen an diesen hohen Ansprüchen, an diesen hohlen Phrasen, war das, was da im Schiller-Theater zu hören und zu sehen war, recht dürftig.

 Wie schade, dass eine Konzeption,  die bei der Wagner Collage noch überraschte, wenngleich sich auch dort schon „gefährliche Längen“ abzeichneten, sich durch mangelnde kritische Distanz so schnell erledigt hat.

Wir sahen die Aufführung am 21. Juni 2013.

Recycling an der Berliner Staatsoper – Der fliegende Holländer aus der Schweiz

Bei den Schweizern da liegen nicht nur die Goldbarren in den Tresoren,  nein dort liegen auch goldige Inszenierungen in den Depots – so mag man in der Intendanz in Berlin spekuliert haben  und sich schnell, bevor die Konkurrenz zugreifen konnte, eine inzwischen fünf Jahre alte Holländer-Produktion aus Basel gesichert, eine Stölzl Inszenierung,  die ich schon im Februar 2009 dort gesehen und zu der ich damals im Blog auch ein paar Bemerkungen notiert  hatte.

 Alles, was ich damals notiert hatte, trifft auch auf den Berliner Recycling Holländer zu – vielleicht mit dem Unterschied, dass in Berlin die Rollen etwas hochkarätiger besetzt sind und dass an diesem Abend die Staatskapelle Berlin noch weniger in Topform war als damals das Basler Sinfonieorchester. Dass Wagner, der neuerdings gern verhalten zelebriert wird, auch noch immer  – zumindest in der Ouvertüre – als Lärmorgie präsentiert werden kann, fand ich doch schon ziemlich überraschend. Es stürmt halt auf dem Meere, dann stürmt es eben auch im Graben. Aber vielleicht ging es Maestro Harding gar nicht um gewaltiges Meeresrauschen. Vielleicht ging es ihm um eine Symbiose mit der Figur des Holländers, den die Regie trotz all des Erlösungsgejammers, das dieser vom sich gibt, als gewalttätigen Macho-Piraten begreift, der sich an schwachen und kranken Frauen vergreift und diese instrumentalisiert.… → weiterlesen