Der erste Eindruck ist überraschend, wenn nicht befremdend: kein Orchestergraben, keine Guckkastenbühne. Spielfläche für alle drei Akte ist ein leicht ansteigender breiter Halbkreis (aus Brettern, ja wir wissen schon, die die Welt bedeuten). Zur Rechten, etwas zurückgesetzt, das Orchester, das ’sichtbare Orchester‘. Über der Spielfläche, nahe beim Orchester, ein schmaler vertikal ausgerichteter Betonpfeiler, der die Bühne in Richtung Zuschauerraum überspannt und in einer scharfen Spitze endet. Am Fuße des Pfeilers ein Häuschen. Und wenn im Finale des ersten Akts das Häuschen in Flammen aufgeht und Hundings ( mongolischer?) Spieß, den er bei seinem ersten Auftritt machtvoll in den Boden gerammt hatte, kläglich zusammenfällt, ja dann haben wir alle im Publikum, ob Freudianer oder Nichtfreudianer, die simple Symbolik verstanden. Und das gleiche gilt, wenn im Finale des zweiten Akts der Pfeiler sich an der Basis in zwei weit in den Bühnenhimmel aufragende Lanzen aufspaltet. Die Waffensymbolik ist halt seit Urzeiten martialisch und erotisch besetzt.… → weiterlesen
Archiv der Kategorie: Amsterdam
Das Rheingold als Grand Opéra Spektakel – eine Wiederaufnahme im Muziektheater Amsterdam
Als von Neubayreuth und vom ‚Regietheater‘ Verwöhnte oder auch, wenn man so will, Deformierte vergisst man zu leicht, dass Das Rheingold zu einer Zeit geschrieben wurde, als die französische grand opéra die Spielpläne dominierte. Warum, so mag sich Pierre Audi, als er vor nunmehr fünfzehn Jahren Das Rheingold in Amsterdam in Szene setzte, gefragt haben, soll man den „Vorabend“ zum Ring des Nibelungen also nicht im Stil der grand opéra inszenieren. Warum nicht auf alle ideologischen Botschaften und Welterklärungsmodelle verzichten, keine mehr oder weniger weit hergeholten Aktualisierungen versuchen, Metatheater und Bildzitate beiseitelassen, warum sich nicht Wagner, dem „Schauspieler-Genie“, (Nietzsche) Wagner, anvertrauen, auf die Effekte seiner Musik und seines Librettos setzen und ein großes Spektakel in Szene setzen. Und so geschah es im Amsterdam.… → weiterlesen
Herzmäre und ferner Britten Klang: George Benjamin I Martin Crimp: Written on Skin an der Oper Amsterdam
Am vergangenen Samstag haben wir im Amsterdamer „Muziektheater“ die Erstaufführung einer Oper gehört und gesehen („Weltpremiere“ war am 12. Juni dieses Jahres in Aix-en Provence), die in ihrer Verbindung von Fremdem und Vertrautem wohl als eine der wenigen zeitgenössischen Opern Aussicht hat, bald zum Kanon des Musiktheaters zu gehören. Der große Erfolg von Written on Skin verdankt sich in gleicher Weise der Musik, dem Libretto, einem Ensemble höchst brillanter Sängerschauspieler und nicht zuletzt auch einer subtilen szenischen Umsetzung. Orchesterklang und Gesang (nicht von ungefähr ist die Hauptrolle für einen Countertenor geschrieben) erinnern – mit Verlaub gesagt und ohne dass ich mir ein Urteil anmaßen will – von fern her an den Klangzauber eines Benjamin Britten und lassen damit im Fremden und Neuen das Vertraute anklingen. Noch weniger fremd, ja eher vertraut erschien mir das Libretto: eine mittelalterliche Dreiecksgeschichte, genauer: eine Herzmäre, die auf das Dekamerone (Novelle IV, 9) und weiter auf die provenzalischen Trobador Viten verweist:… → weiterlesen
Iphigenie im Doppelpack und Medea als abgehalfterte Pop-Sängerin. Zwei Wiederaufnahmen in Amsterdam und in Brüssel
Iphigenie im Doppelpack und Medea als abgehalfterte Pop-Sängerin. Zwei Wiederaufnahmen in Amsterdam und in Brüssel
Wann hat man schon Gelegenheit, beide Gluck Iphigenien – Iphigénie en Aulide und Iphigénie en Tauride – hinter einander an einem Nachmittag zu hören und noch dazu dirigiert von Marc Minkowski und gespielt von Les Musiciens du Louvre. Grenoble. Das Musiktheater Amsterdam bot im September 2011 in mehreren Vorstellungen diese Rarität. Keine Frage, dass in Amsterdam brillant und schön gesungen und musiziert wurde… → weiterlesen
Erotische Träumereien einer reifen Dame und eines Dandy – und russische Geschichte als Beigabe. Stefan Herheim inszeniert Eugen Onegin in Amsterdam
Erotische Träumereien einer reifen Dame und eines Dandy aus der Welt von Gestern – und russische Geschichte von den Zaren bis hin zu Putin als Beigabe. Stefan Herheim inszeniert Eugen Onegin am Muziektheater Amsterdam
‚Lyrische Szenen‘, nicht Oper, hatte Tschaikowski einst seinen Eugen Onegin genannt. In München hat man vor einigen Jahren aus den angeblich lyrischen Szenen eine grandiose Schwulenoper gemacht, in der zwei Männer, Onegin und sein Freund Lenski, nach ihrer sexuellen Bestimmtheit suchen und die Frauen nur noch Nebenpersonen sind. In Leipzig (und anderswo) war Konwitschny den umgekehrten Weg gegangen und hatte aus der Figur der Tatjana eine „revolutionäre Frau“ gemacht, eine authentische Figur, gegenüber der alle anderen nichts anderes als fremdbestimmte Marionetten sind. Bei Stefan Herheim – und wer seine Grazer Rusalka, seinen Stuttgarter Rosenkavalier, seinen Berliner Lohengrin gesehen hat, den überrascht das nicht – bei Stefan Herheim… → weiterlesen
15. 01. 09 Eine Broadway Revue mit königlichem Etat . David Alden inszeniert Francesco Cavalli: Ercole amante im Muziektheater Amsterdam
Wie einstens bei der Uraufführung im Jahre 1662 am Hofe Ludwigs XIV, als man mit Ercole amante die Hochzeit des französischen Königs mit der spanischen Infantin Maria Theresia feierte, an nichts gespart wurde, so stand wohl auch in Amsterdam, als man die Cavalli Rarität auf den Spielplan setzte, dem Produktionsteam ein unbegrenzter, ein wahrhaft königlicher Etat zur Verfügung. Eine Fülle kostbarer, edler Barockkostüme, eine aufwendige Bühnenmaschinerie, eben wie es sich für eine Barockoper gehört, Tänzer und Tänzerinnen, ganz wie es sich für eine opéra ballet gehört, Chor und Statisterie in Großaktion. Im Orchestergraben ein renommiertes, auf die historische Aufführungspraxis spezialisiertes Ensemble: das Concerto Köln und noch dazu das Münchner Monteverdi Continuo Ensemble. Auf der Bühne Stars des internationalen Opernzirkus, wie man sie von München und von Salzburg her kennt: die Cangemi, die Bonitatibus, Luca Pisaroni in der Hauptrolle und dies alles unter der Leitung des einstigen Münchner „Barocktraumpaars“: David Alden und Ivor Bolton. Alles vom Feinsten und vom Teuersten. Mit anderen Worten: Opernkulinarik der Extraklasse wird in Amsterdam geboten.