Beziehungskiste nebst Krimi. Alcina als Soap-Opera im Theater an der Wien

Jetzt haben wir in diesem Jahr zum zweiten Mal eine Inszenierung erlebt, bei der die Regie mit Händels Alcina wenig anzufangen weiß, allen Zauber zerstört und aus einer Opera seria eine Soap-opera macht.

Halten wir der Wiener Aufführung zu Gute, dass es hier nicht ganz so schlimm zugeht wie bei den Karlsruher Händel Festspielen. Dort hatte Captain Roger von der Army sich in der Luxusvilla seiner schwangeren Mätresse eine Auszeit genommen. Doch kaum hat er von seinem alten Ausbilder eine Standpauke abbekommen, da besinnt er sich auf seine militärischen Pflichten und macht zum Abschied Kleinholz aus dem Haus der Mätresse.

… → weiterlesen

Bayreuther Festspiele 2018. Ein ganzer Flop, ein halber Flop und eine Sternstunde des Musiktheaters

Seien wir doch froh, dass wir überhaupt Karten bekommen haben und halten wir uns mit kritischen Bemerkungen zurück. Nehmen wir einfach in Kauf, dass der Fliegende Holländer abgespielt und desaströs war, die Walküre – wir kannten sie schon aus dem Ring Zyklus – nicht minder abgespielt und in ihrer musikalischen Interpretation etwas eigenwillig war. Begeistern konnte allein der Tristan. Auch ihn hatten wir schon im vorigen Jahr erlebt (Siehe dazu unsere Bemerkungen im Blog). Die diesjährige Aufführung war, wenn das überhaupt möglich ist, in Orchesterklang, Stimmen und Szene noch brillanter und ergreifender als die vom vergangenen Jahr. Vielleicht lag es daran, dass mit Andreas Schager ein jugendlich wirkender Tristan sang und agierte.

… → weiterlesen

Rossini light? Giuseppe Saverio Mercadante, Didone abbandonata. Dramma per musica. Uraufführung 1823. Eine gelungene Ausgrabung bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik

„Das klingt ja alles wie Rossini“ – so flüsterte nach der Ouvertüre die Dame neben mir ihrer Begleiterin zu. Und damit hatte sie wohl recht. Ohne dass sie gleich  im Programmheft die gelehrten Ausführungen des Herausgebers der  kritischen Neuausgabe, Paolo Cascio, studieren muss, fallen auch der interessierten Opernbesucherin die Analogien zu Rossini gleich auf. Ein Feuerwerk von bravourösen Arien und Duetten, zahlreiche Chorpartien. Sopran (Didone), Mezzosopran (Enea) und Tenor (der Bösewicht Jarba) finden zahlreiche Gelegenheiten zu brillieren. Und da alle drei (Viktorija Miskunaité als Didone, Katrin Wundsam als Enea und Carlo Vincenzo Allemano in der Rolle des Jarba) über eine „geläufige Gurgel“ verfügen, triumphiert in Innsbruck der Belcanto. Ein Belcanto im Stile Rossinis, der wohl schon auf Bellini und Donizetti verweist.

Doch nicht zuletzt ist es auch die melodramatische Variante, zu der Mercadantes Librettist Leone Tottola einen hochberühmten frühen Metastasio Text umgeformt hat, die mehr an die romantische Oper als an die opera seria erinnert und die uns beim Schicksal der Dido mehr an die Heldinnen eines Bellini und Donizetti als an die unglückliche Königin von Karthago denken lässt.

Eine romantische Oper wollte wohl auch Jürgen Flimm inszenieren, als er das Geschehen aus mythischer Zeit in die Entstehungszeit der Oper verlegte, in eine Zeit, als die europäischen Mächte sich daran machten, Afrika zu kolonisieren und auf den Widerstand einheimischer Königreiche stießen.… → weiterlesen

Commedia dell’arte mit Rossini Soundtrack in der tiefsten Steiermark: Der Barbier von Sevilla beim „jennersdorf festivalsommer“

Im fernen Land, schwer nahbar euren Schritten, liegt eine Burg, Tabor sie genannt. Alljährlich naht, nein vom Himmel keine Taube, naht aus dem Städtchen Jennersdorf eine Opernkompagnie und spielt im Innenhof der Burg, nein nicht Wagner, sondern Rossini, wie in diesem Jahr, und Flotow im nächsten Jahr. Und die Leut‘ aus der Region, dort, wo Steiermark und Burgenland, Ungarn und Slowenien aneinander grenzen, strömen hin zur Burg Tabor, denn nicht nur Musik und Theater gibt’s, auch Wein und Schmankerln  und das alles  zu moderaten Preisen.

Die Jennersdorfer holen sich für ihr Sommerfestival Musiker, Sänger und Theatermacher von weit her: die Musiker aus Preußen: es musiziert die „Junge Philharmonie Brandenburg“, den Protagonisten, den Barbier in der Person des Denis Milo, von der Komischen Oper Berlin, Rosina in der Person der Andreja Zidaric kannten wir noch von ihrem Auftritt beim Young Singers Project der Salzburger Festspiele 2014, und der Graf Almaviva in der Person des Gustavo Quaresma Ramos singt vielerorts, unter anderem in Köln und in Wiesbaden. Alle drei sind sie brillante junge Sänger, die wohl vor einer großen Karriere stehen. Für die Bufforollen hatte man gestandene routinierte Sängerdarsteller mit langjähriger Erfahrung engagiert.

Für die Regie zeichnet Peter Pawlik verantwortlich. Der Wiener Theatermacher verzichtet auf jegliche Message, auf jegliches vorrevolutionäres Ambiente, das so mancher Regisseur in der Beaumarchais Tradition in Rossinis Buffa übertragen möchte. In der Burg Tabor setzt man  stattdessen konsequent auf die Commedia dell’arte Tradition und deren Varianten bei Rossini. Schon  bei der Auswahl der Kostüme wird diese Grundkonzeption überdeutlich: die eleganten Innamorati (der Graf und Rosina), der Barbier als Arlecchino Variante, der Dottore im unförmigen Lederwams. Aufgelockert wird das Spiel durch Tanzeinlagen und Buffa Szenen, die bis hin zur Groteske gesteigert werden. So  wird zum großen Gaudi des Publikums aus der so gar nicht  so altjüngferlichen Haushälterin Berta ein mannstolles Weib, das bei dem drögen, geizigen Basilio abgestorbene Gelüste weckt. Mit anderen Worten: die Regie hat aus Rossinis Buffa eine unterhaltsame populäre Komödie gemacht, in der die Liebenden sich kriegen und der übertölpelte Dottore und sein Faktotum Don Basilio sich mit dem Mammon zu  trösten wissen.

Wie bei jedem Open Air  Spektakel haben es auch in der Burg Tabor Musiker und Sänger besonders schwer. Die geradezu subtropische Hitze und dazu die hohe Luftfeuchtigkeit ließen Instrumente und Stimmen gedämpfter  erklingen, als man es gewohnt ist. Um so mehr ist es zu bewundern, wie Rosina  alias Andreja Zidaric in ihren Koloraturen brillierte, wie Denis Milo als Barbier in Stimme, Spiel und Bühnenerscheinung faszinierte  und wie auch  in der so schwierigen Tenorrolle des Grafen Almaviva Gustavo Quaresma Ramos mitzuhalten wusste.

Ein schöner und unterhaltsamer Sommerabend mit Rossini auf Schloss Tabor in den südoststeierischen Wäldern. Wir besuchten die Aufführung am 4. August, die zweite Vorstellung nach der Premiere am 2. August 2018.  Vielleicht fahren wir nächstes Jahr wieder hin.

 

 

Der schwarze Satan aus der Fruchtblase bringt Verstörung und Tod. Romeo Castellucci inszeniert Salome bei den Salzburger Festspielen 2018, und Asmik Grigorian triumphiert in der Titelrolle

 

Wenn Theatermacher Castellucci – oder sollen wir lieber sagen, wenn Theatermagier Castellucci seine Theaterkiste aufmacht, dann ereignet sich großes, spektakuläres Theater, dann tun sich neue Sichtweisen auf, dann werden die alten Geschichten neu erzählt, anders erzählt – bis hin zu ihrer Zerstörung, dann wird das Publikum verwirrt und provoziert.

So war es schon bei Castelluccis Brüsseler Parsifal, den wir vor nunmehr sieben Jahren am Théâtre de la Monnaie sahen, einem Parsifal, in dem die Regie jeglichen Erlösungsbrimborium brutal hinweg gefegt hatte. So war es noch provozierender bei Glucks  Orpheus und Eurydike bei den Wiener Festwochen 2014, wo die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit geradezu schamlos eingerissen wurden, wo eine reale Komapatientin zum Objekt der Voyeurs wurde und der Abstieg in die Unterwelt zum Abstieg in die Hölle der Intensivstation wurde, ein Inferno, aus dem kein lieto fine ins Leben zurück  führt.

Auf Provokation und Verstörung hat es Castellucci  auch bei seiner Salzburger Salome angelegt – und dies mit großem Erfolg. Die Szene ist ein geschlossener, ein geradezu klaustrophobischer Raum. Die zugemauerten Galerien der Felsenreitschule sind zu einer Art Klagemauer mutiert, vor der grotesk geschminkte Personen mit roten Gesichtern, in langen schwarzen Mänteln und mit großen schwarzen Hüten in rituellen Bewegungen auftreten. Sind sie alle Talmud Schüler oder vielleicht doch nur Marionetten, die an unsichtbaren Fäden geführt werden. Ein schwarz geschminkter Jochanaan, der selbst von den ersten Parkettreihen her kaum als Person zu erkennen ist, tritt in einer gigantischen Fruchtblase auf. Ist das der Satan selber, der sich als Prophet ausgibt? Oder ist er die Karikatur eines Voodoo Priester, ein Schamane, ein sich lautstark in Szene setzender Krimineller aus der Bronx?… → weiterlesen

Kinoträume werden ‚wahr‘. Axel Ranisch inszeniert Haydn, Orlando Paladino. Dramma eroicocomico

Was macht man aus einer Parodie der Parodie, einer Parodie des Rasenden Rolands, die ihrerseits schon eine Parodie auf die alten Ritterromane ist? Filmemacher Ranisch hat für dieses Problem eine geistvolle, witzige und noch dazu höchst unterhaltsame Lösung gefunden: aus einer Melange aus opera seria und Buffa macht er einen Herz/Schmerz Kinofilm, in dem die Personen der Oper zugleich Figuren des Films sind und sich darüber hinaus in der ‚realen‘ Welt eines Kinosaals bewegen. Nicht genug damit. Der Besitzer des kleinen Kinos, der zugleich als Filmvorführer fungiert – eine stumme Rolle – mischt sich in das Geschehen ein, spielt mit, erfüllt sich seine Sehnsüchte, darf seinen Lieblingsschauspieler für sich gewinnen und mit diesem zusammen seinen homophilen Neigungen nachgeben. Seine Freundin Gaby, das Mädchen für alles im Kino, darf endlich den Hausmeister für sich haben.

Sehnsüchte und Träume werden ‚Wirklichkeit‘ – auf allen Ebene. Die kleine Süßigkeitenverkäuferin wird zur rothaarigen Zauberin Alcina, die im Film und in der Oper das Geschehen dirigiert. Der Hungerleider Pasquale wird zum ‚tapferen Rittersmann‘ und, was mehr seinen Sehnsüchten entspricht, zum virtuosen Sänger, der als Zugabe das Töchterchen des Hausmeisters zur Frau bekommt. La bella Angelica und ihr schmachtender Schönling Medoro, deren Liebesgeschichte die Filmreklame ankündigt, werden ‚wirkliche‘ Figuren, treten aus dem Stummfilm heraus in die ‚Wirklichkeit‘ des Kinosaals, werden auch dort vom eifersüchtigen Orlando verfolgt, der in seiner Raserei den Saal zu Kleinholz macht. Sie alle sind zugleich Filmstars und Opernfiguren. Im Finale werden sie als Zuschauer das melodramatische Ende des Film-Liebespaares erleben – Medoro wird von Wilden erschlagen und Angelica ersticht sich – und in der ‚Wirklichkeit‘ des Kinosaals erlebt das scheinbar unglückliche Paar als Opernfiguren sein lieto fine. Ihr lieto fine erleben auch die beiden Rivalen Orlando und  Rodomonte. Rodomonte, der sich zu seinen homophilen Neigungen bekennt und darüber Angelica vergisst. Orlando, der nach einem Schluck Lethe seinen Wahn vergisst.… → weiterlesen