Und sie fängt ihn nicht wieder ein. Kein lieto fine für Ruggiero und Bradamante. Alcina an der Opéra National de Paris

Armida, Circe und Calypso haben es besser. Ihnen bleiben zumindest die Tränen („Mi  restano le lagrime“) – und das Leben. Alcina bleibt nichts. Sie muss Geliebten und Leben lassen. Ihr Held  verlässt sie nicht nur. Er meuchelt sie noch dazu und weiß den Mord  so aussehen zu lassen, als habe sie sich selber erdolcht. Die wieder aufgetauchte mütterliche Ehefrau Bradamante und  ihr Psychiater scheinen zu triumphieren. Ein kurzfristiger Triumph. Noch über ihren Tod hinaus dominiert die sanfte Alcina den schwächlichen Ruggiero. Nicht zur Mutter kehrt er zurück. Er entschwindet ins Dunkel, in „das dunkle Reich des Todes“? Ein stupendes Finale mit impliziten Verweisen auf Freud und Wagner.

Und das war auch schon der einsame Höhepunkt einer Inszenierung, die ansonsten so dahin plätschert.… → weiterlesen

Zirkulärer Traumdiskurs mit Schiele Bildzitaten. Elektra an der Opéra Bastille

Zur einst so wilden Musik, die uns heute zwar nicht mehr wild, doch immerhin spektakulär dünkt, hat die Bastille Oper  gleich drei Opernheroinen aus dem Wagner- und Strauss-Fach engagiert: die Theorin als Elektra, die Meier als Klytämnestra, die Merbeth als die kleine Schwester Chrysothemis. Und noch dazu in der Rolle des Orest den  stimmgewaltigen russischen Bariton, der auf dem Bayreuther Hügel nicht singen darf. Operngesang der Spitzenklasse. Und natürlich bot auch das „Orchestre de l‘Opéra National de Paris“  unter Maestro Jordan einen Strauss der Extraklasse. „Luxusmusik“ der Dekadenz in Reinkultur. Mit anderen Worten: in der Bastille war Oper vom Allerfeinsten zu hören. Startheater, wie man es auch von einem so renommierten Haus erwartet.

First Class ist auch die Inszenierung von Robert Carsen, die man vom Florentiner Maggio Musicale übernommen hat:… → weiterlesen

Erhabene Langeweile. Feierlich Getöne. Edle Gutmenschen. Alceste als halbszenisches Oratorium im Palais Garnier

Glucks Alceste sei, so heißt es in der Süddeutschen Zeitung vom17.9. 2013, in Paris unter der Leitung von Marc Minkowski und Olivier Py „edler Biederkeit“ zum Opfer gefallen. Ein hartes Urteil, das weder der musikalischen noch der szenischen Interpretation genüge tut. Ich habe das nicht so gesehen. Wenn  wie im Alkestis Mythos edle Gutmenschen sich für einander um die Wette aufopfern und dies zur feierlich-erhabenen Musik eines Gluck, dessen sogenannte Reformopern  angeblich authentische Leidenschaften in Musik transformieren, dann stellt sich auf die Dauer edle Langeweile im Saale ein. Vielleicht ist Gluck auch nicht mein Fall, denn gegen das Gefühl der erhabenen Langeweile, die sich nach einiger Zeit einstellt, komme ich nur schwer an, mögen Maestro Minkowski und seine Musiciens du Louvre Grenoble auch  auf höchstem Niveau  musizieren und sich  alle Mühe geben, das Feierlich-Erhabene der Gluck Musik herauszustellen. Und Chor und Solisten – allen voran eine höchst brillante Sophie Koch in der Titelrolle – stehen ihnen  dabei nicht nach.… → weiterlesen

„O bell’alma innamorata…“ Lucia di Lammermoor an der Bastille Oper

Beim Belcanto, bei Bellini- und Donizetti- Aufführungen, so hatte ich es mir schon so viele Male notiert, da braucht man nur drei brillante Sänger – und alles andere ist egal. In Paris, bei der Lucia,  da brauchte man nur eine einzige Sängerin: Patrizia Ciofi als Lucia, und alles andere wird zur quantité négligeable. Zwar waren auch in Paris die Rollen des (ach so machohaften) Edgardo und des bösen Bruders exzellent besetzt. Doch die Lucia der Ciofi  hat sie beide zu Nebenfiguren gemacht, hat sie in Gesang und Spiel bei weitem übertroffen. Wie Patrizia Ciofi in Kostüm und Maske einer präraffaelitischen Schönheit die Lucia gestaltet, war so brillant, so faszinierend, wie ich es wohl noch nie in solcher Perfektion gehört und gesehen habe. Hier gilt wirklich das so abgegriffene Wort von der Primadonna Assoluta, die ihr Publikum verzaubert – und dies vom ersten bis zum letzten Auftritt: von der Kavatine im ersten Akt, über das Liebesduett mit Edgardo und das Schmerzensduett mit Enrico bis hin zur Wahnsinnsszene. Besser, so denkt man, geht es einfach nicht. Und dabei macht  es die Regie der Sängerin nicht gerade leicht. Sie muss auf Schaukeln steigen, auf Sportgeräte  und halsbrecherische Gerüste klettern, zur Wahnsinnsszene aus einem umgestürzten Zelt kriechen und sich in Strohhaufen wälzen und sonst noch allerlei Mätzchen machen.

Spielort ist der Turnsaal eines Militärgefängnisses, der sich je nach Bedarf in einen Massenschlafsaal oder auch in einen Festsaal verwandeln lässt.  Ein Saal, der auf halber Höhe von einer runden Tribüne begrenzt wird. Von der Höhe senken sich Stahlgerüste, auf denen Statisten und Solisten herum klettern dürfen.  Eine recht billige Symbolik: die Protagonisten sind halt in ihrer Leidenschaft, aus der es keinen Ausweg gibt, gefangen. Und die Schaukel? Auch hier sind die Referenzen mehr als deutlich: die Schaukel als Liebessymbol. Die französischen Bildungsbürger werden sich Fragonard erinnern, die deutschen an Effie Briest. Und die klassisch Gebildeten werden sich vielleicht an antike Amphoren mit Dionysos auf der Schaukel erinnern. Aber das ist alles gar nicht so wichtig. Dass die Inszenierung, die wir in Paris gesehen haben, schon seit knapp zwanzig Jahren läuft, dass wir die fünfzigste Aufführung in dieser Inszenierung gesehen haben, was tut’s schon. In der Bastille Oper  haben  wir am 6. Oktober 2013 Belcanto gehört, wie er ‚schöner‘ wohl nicht geboten werden kann.

 

 

 

Vom ewigen Marilyn-Mythos und von der Hollywood Maschine. Eine Wiederaufnahme von L’Affaire Makropoulos an der Opéra Bastille

 

Blick auf Paris

Blick auf Paris

Vor nunmehr sechs Jahren brachte die Bastille Oper Janáceks ‚Komödie für Musik‘ mit Angela Denoke in der Rolle der Emilia Marty heraus, eine Inszenierung, die damals ein großer Erfolg gewesen sein muss und dies nicht nur wegen der spektakulären Regie, sondern wohl vor allem dank einer Sängerschauspielerin, die die Rolle der ewigen Diva Emilia glaubhaft zu spielen gewusst haben muss.

Jetzt bei der Wiederaufnahme hat man die Hauptrolle einer berühmten Wagner-Sängerin anvertraut, die – das ist überhaupt keine Frage – phantastisch singt. Doch als Schauspielerin?  Eine nicht mehr ganz junge Sängerin, eine Dame mittleren Alters als Reinkarnation einer Marilyn  und zwischendurch auch noch als Rita Hayworth, das ist über weite Strecken hin nur noch peinlich. Es sei denn, man nimmt das Ganze als Parodie des Marilyn-Mythos.

Doch so war wohl die Inszenierung des polnischen Theatermachers Krzysztof Warlikowski nicht intendiert . Eine Inszenierung, die als multimediales Spektakel, als Hollywood-Revue mit Verweisen auf die Kultfilme der Marilyn und auf eine ganze  Reihe anderer Filme  aus der Hollywood-Maschine angelegt ist und überdies vom Leben und Sterben der Diva erzählt und dies alles auf die Protagonistin der Oper projiziert. Mit anderen Worten: Warlikowski  versteht Janáceks Oper als Variante des Marilyn-Mythos und garniert diesen noch dazu mit Edward Hopper Bildzitaten. All dies ist höchst brillant und geistreich gemacht – setzt allerdings beim Publikum die Kenntnis der klassischen Hollywoodfilme und der Marilyn Legende voraus. Wer im Publikum von all dem nur wenig weiß und sich nur am Libretto orientiert, der tut sich mit dem Verständnis schwer.

Wie schon so oft in der Bastille geschehen, feierte auch an diesem Abend ein begeistertes Publikum alle Mitwirkenden. Die jungen französischen Freunde, die mit uns in die Oper gegangen waren, waren eher entgeistert – und ich auch. Wir waren uns einig: wenn man schon ein Stück nicht der Inszenierung entsprechend  adäquat besetzen kann, dann sollte man auf  eine Reprise verzichten. Mit dieser Art von Wiederaufnahme, wie sie jetzt in Paris zu sehen war, tut man den Künstlern keinen Gefallen, mag auch ein unkritisches Publikum sie noch so sehr feiern.

Wir sahen die Aufführung am 27. September 2013. Die Premiere war im April 2007.

Grand Opéra mit Johann Strauß Einlage in der Bastille Oper

Ich weiß nicht, welch böser Geist uns dazu getrieben hat, nach Hanekes so subtiler Così fan tutte uns diese so verstaubte La Gioconda anzutun. Wenn man schon kein Verdi-Fan ist, dann ist Ponchielli erst recht schwer erträglich. Ein befreundeter Musiker hatte mich noch vor einem „Verdi degenerato“ gewarnt. Aber ich war halt neugierig, hatte ich La Gioconda doch noch nie gehört, geschweige denn auf der Bühne gesehen.

So haben wir denn vier Stunden Verdi-Verschnitt ertragen, renommierte Sänger gehört, ein Spitzenballett in Aktion gesehen, das nicht nur beim berühmten Tanz der Stunden, sondern als ungefragte Zugabe auch noch zu einer Polka von Johann Strauß seine Künste zeigte – und auf der Vorderbühne lag  währenddessen die scheinbar vergiftete, aber dank der Intervention der selbstlosen La Gioconda doch nur narkotisierte untreue Laura  auf einem Mehrzweck – Sarkophag im Todesschlaf.… → weiterlesen