Im Prachtbau der gerade renovierten Staatsoper, im Luxustempel des Musiktheaters ist jeglicher Anflug von Trash verpönt. Hier feiert man ein Bühnenfest am Hofe eines Potentaten im Zeitalter des Barocks. Hier spielt die Hofgesellschaft ( vielleicht im Palazzo Ducale in Mantova?) ein Stück ihres Hofkomponisten Monteverdi . Und alle spielen mit, sind fast immer auf der Szene präsent, spielen ihre Rollen oder schauen den Spielenden zu: das Herrscherpaar, die Höflinge, Kinder und Mägde und Soldaten. Im Zentrum des allseitigen Interesses steht die Außenseiterin Poppea, die als einzige nicht höfisch gekleidet ist, im Negligé in die Welt des Hofes einbricht und dessen Welt durcheinander wirbelt. Sie alle am Hofe spielen sich selber mit ihren überbordenden Leidenschaften: mit ihrer Luxuria, ihrer Machtgeilheit, ihren Intrigen, ihrer Heuchelei, ihrer Oberflächlichkeit und stellen ihr Spiel implizit unter das Dictum: „Omnia vincit Amor, et nos cedamos Amori“. Auf der Bühne und im Graben ein brillantes Durchdeklinieren der Affekte im weitesten Sinne und der Liebesdiskurse im engeren Sinne.… → weiterlesen
Archiv der Kategorie: Berlin
Gutmenschen-Feier nebst ‚Führerkult‘. Philip Glass, Satyagraha an der Komischen Oper Berlin
Ich mag diese ‚minimalistische‘, diese ‚ripetive‘, diese sich gleichsam in unendlichen Schleifen um sich selber drehende Musik eines Philip Glass, eine Musik zum sanften Narkotisieren. Heute bei der Gandhi-Oper ist mir indes zum ersten Mal der Verdacht gekommen, dass diese Musik, die es geradezu darauf anlegt, das Bewusstsein einzuschläfern, sich hervorragend für Propagandazwecke eignet. Sie lullt ein und verkündet mit ihren ständigen Wiederholungen eine Botschaft. Welche nur?
Die Inszenierung, eine Mélange aus Oper, Oratorium und Tanztheater, mit ihren ständigen Massenaufmärschen, ihrer kritiklosen, jeden Anflug von Ironie oder Parodie verneinenden Herausstellung eines Charismatikers gibt die Antwort. Sagen wir doch statt Charismatiker Guru oder ‚Führer‘ – und die Antwort ist noch klarer: Musik und Inszenierung sind Faschismus pur im italienischen Sinne. Dieser so sanfte Gandhi-Duce wird von Frauen umsorgt und umschwärmt und von einem Kapitalisten finanziert und im Finale, vor der Pause, mit einem Fackelzug gefeiert. Da bin ich gegangen. „Zu viel. Zu viel!“
Man verstehe mich nicht falsch. Ich unterstelle Komponisten und Produktionsteam keinen latenten Faschismus. Aber er kam herüber – wohl ungewollt. Sagen wir einfach: was da aus dem Graben tönte und was da auf der Bühne veranstaltet wurde, das war eine Propaganda-Show, die gefährliche Glorifizierung eines Guru, eines ‚Führers‘.
Vielleicht wurde ja nach der Pause alles anders.Vielleicht wäre ich im zweiten Teil eines Besseren belehrt worden. Doch ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten. Dieser Gandhi-Duce als Postfiguration eines Christus, der sich von den Massen schlagen, herumstoßen und dann wieder feiern lässt…, und das Ganze zieht sich über drei Stunden hin. „Zu viel. Zu viel“.
Ich gehe gerne und oft in die Komische Oper. Seit Barrie Kosky dort Prinzipal ist, wird in diesem Hause grandioses Theater gemacht, Musiktheater der Spitzenklasse. Doch mit Verlaub gesagt, dieser Gandhi war ein Flop – zumindest für mich. Dem Publikum hat’s gefallen. Das Tanztheater? Das Libretto kann es kaum gewesen sein. Gesungen wurde in Sanskrit.
Wir besuchten die Vorstellung am 2. November 2017, die dritte Vorstellung seit der Premiere am 27. Oktober 2017.
Struwwelpeter Faust im Sumpf der deutschen Geschichte. Terry Gilliam inszeniert La Damnation de Faust an der Staatsoper im Schiller Theater
In Berlin ist nicht Fausts Verdammnis zu sehen. Was in Berlin grandios und spektakulär in Szene gesetzt wird, das ist La Dammnation de l’Allemagne. Wie vor ein paar Jahren Stefan Herheim Eugen Onegin in Amsterdam vor der Folie der russischen Geschichte inszenierte, so bettet jetzt Terry Gilliam den ach so deutschen Faust-Mythos in die deutsche Geschichte ein, genauer: stellt ihn ein in die Übel und Verbrechen der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und macht noch dazu die deutsche Kultfigur, den Doktor Faustus, zu einer lächerlich grotesken Figur, zu einem Popanz, zu einer Comicfigur, einer Mischung aus Struwwelpeter und Max und Moritz. … → weiterlesen
Bei der Wallfahrt der Feinsinnigen. Britten, Tod in Venedig an der Deutschen Oper Berlin
Dass Brittens Version der Thomas Mann Novelle die Kultoper der Feinsinnigen ist, dass Death in Venice sich als hohe Messe der Homoerotik und der Pädophilie – im antiken Sinne des Wortes – hören, sehen und genießen lässt, das ist ein Gemeinplatz. Und dass Death in Venice ein bestimmtes Publikum anzieht, das ist nicht minder ein Gemeinplatz.
Ich muss gestehen, dass ich mir jetzt beim Berliner Tod in Venedig inmitten der so überaus stark vertretenen Gemeinde der homophilen Feinsinnigen etwas fremd vorkam, zumal sich nicht jedermann so kultiviert und – im positiven Sinne – so dekadent gab, wie ich das eigentlich erwartete. Gleich neben mir in der ersten Parketreihe outete sich ein junger Mann als Voyeur und wurde nicht müde, seinen Feldstecher auf die Akteure zu richten. Es waren ja in der Tat auch viele schöne junge Männer – der Darsteller des Tadzio war nicht der einzige – auf der Bühne zu bewundern. Und dass dort ein müder bürgerlicher Literat im Zweireiher, der dem ‚Arbeitsethos‘ verfallen ist, angesichts all dieser männlichen Schönheiten und ihres Körperkults seine ‚verdrängten‘ homoerotischen‘ Neigungen entdeckt, diese auslebt und sich vielleicht dem einen oder anderen im Publikum als Identifikationsfigur anbietet, dies versteht auch, wer die Thomas Mann Novelle und den gleichnamigen Visconti Film nicht kennt.
„La froide majesté de la femme stérile“ oder Nachtmären in der gynokolischen Klinik. Die Frau ohne Schatten an der Staatsoper im Schiller Theater
Ich mag diese glitzernde Strauss Musik. Ich mag das manchmal so hohle Pathos. Ich mag diese so rauschhafte Klangfarbenpracht und nicht minder das selige Pianissimo. Ich mag diese so nostalgische Dekadenz. Ich mag all das, mit dem Strauss sein Publikum zu verzaubern weiß.
Wie immer in den Strauss Opern dominieren auch in der Frau ohne Schatten die weiblichen Stimmen. Wenn wie jetzt in der Staatsoper fast alle hohen Stimmen zu brillieren wissen und das Gleiche für Tenor und Bass gilt und wenn noch dazu die Staatskapelle im Strauss-Klang geradezu zu schwelgen weiß und Maestro Zubin Mehta den Solisten im Orchester ausgiebig Gelegenheit gibt, mit ihrer Kunstfertigkeit zu beeindrucken, ja dann bleiben eigentlich keine Wünsche offen.
Und doch bleibt ein gewissen Unbehagen, ein Unbehagen, das nicht von der Musik herrührt, sondern … → weiterlesen
Così fan tutte. Jederzeit und überall. Ein Switching zwischen den Zeiten
Mozart an der Deutschen Oper in Berlin? Und dann noch ein so komplexes ‚dramma giocoso‘ wie Così fan tutte. Wenn das nur nicht ein Flop ist. Nach den desaströsen Erfahrungen, die wir an diesem Haus mit der Entführung aus dem Serail gemacht hatten ( einer Mélange aus Road Movie und Porno), und nach einem Blick auf die Fotos im Programmheft befürchtete ich schon das Schlimmste – und wurde angenehm überrascht. Mehr noch, und sagen wir es gleich: alle Befürchtungen und Vorurteile erwiesen sich als gegenstandslos.… → weiterlesen