Und Herkules stirbt – und mit ihm bald die Oper in Essen? Ein trister Händel Abend im Aalto-Musiktheater

© Dierk Schäfer

Und Herkules stirbt – und mit ihm bald die Oper in Essen? Ein trister Händel Abend im „Aalto-Musiktheater“

Das so schicke Opernhaus in Essen – ein Architektur Juwel – war viele Jahre lang bekannt und berühmt für seine spektakulären Inszenierungen, für seine brillanten Sänger und herausragenden Musiker. Ist das alles wirklich schon so lange her? An diesem Abend war von dem einstens hohen Standard des Hauses  kaum oder wenig oder vielleicht auch gar nichts zu hören und zu sehen. Händels spätes „musical drama“ mag vielleicht  nicht unbedingt zu den großen Werken des Meisters zählen. Aber muss man es deswegen gleich so bieder, so lustlos, so langweilig, so schleppend aufführen. Es mag ja sein, dass das nur sehr schwach besetzte Haus (das Gros des Publikums  … → weiterlesen

Auf den Rücken der Reptile? Auf den Brüsten der Frauen? Unter glühenden Gesteinsbrocken? – Ein seltsam matter und konzeptionsloser Siegfried im Aalto-Musiktheater Essen

Jetzt werkeln sie schon über ein Jahr daran herum. Und immer noch brennt das Feuer nicht so richtig, an dem sie ihren Ring schmieden wollen. Viel Rauch, und keiner traut sich, einmal kräftig ins Feuer zu blasen. Es muss ja nicht gleich ein Weltenbrand entfacht werden. Aber lodern sollte das Feuer schon und das erst recht, wenn – nach dem Stuttgarter Modell – für jedes Stück ein anderer Regisseur verantwortlich zeichnet. Beim Rheingold hatte Theatermacher Knabe zwar versucht, Zunder an Wagner zu legen. Aber herausgekommen ist nur eine wilde Ausstattungsrevue mit viel Sex und Crime, bei der der kleine Sachse mit seiner Musik gerade noch eine Statistenrolle ergattern konnte.  Bei der Walküre ist man wieder seriös geworden und  hat diese  – ganz in der Tradition  des 19. Jahrhunderts  –  als ‚Verfall einer Familie’ gedeutet und die Geschichte ins Milieu preußischer Militäraristokraten verlegt bzw. sie, wenn man so will, was sich ja in Essen anbietet, bei den Krupps angesiedelt. Regisseur Hilsdorf hat in seiner Walküre auf alle Gags und Mätzchen verzichtet und der Musik das Primat überlassen mit der Folge, dass berückend schön musiziert wurde. Jetzt beim Siegfried werkelt man (leider auch in der Musik) wieder an kleiner Flamme so vor sich hin, und der etwas irritierte Zuschauer fragt sich, ob die Regie über kein Konzept verfügt oder ob das Konzept darin besteht, Ringinszenierungen aus den letzten Jahrzehnten fragmentarisch zu zitieren, zu variieren und zu ironisieren – und dabei den Zuschauer zu verwirren. Auf einer leicht ansteigenden hügeligen Bühne, die vielleicht der Rücken des ‚Drachen’ sein könnte und in der die Erotomanen gleich Frauenbrüste sehen wollen (ein versteckter Hinweis auf „das wild wütende Weib“?),  hausen  Siegfried und Mime, nein nicht auf der schon obligatorisch gewordenen Müllhalde, sondern unter einer Eisenbahnbrücke oder vielleicht auch in einem funktionslos gewordenen Tunnel. Mime ist in Kostüm und Maske so eine Art Außerirdischer oder ein eben gelandeter Fallschirmjäger, und Gott Wotan als Wanderer springt schon mal auf dem Drachenrücken bzw. auf den Brüsten hin und her und beobachtet das Geschehen. Wohl ein Metatheaterhinweis: Gott Wotan inszeniert ein Spektakel und beobachtet seine Schauspieler? Im zweiten Akt gewinnen Drachenrücken und Brüste, die man praktischerweise aus dem ersten Akt übernommen hat, eine dramentechnische  Funktion. Wenn Siegfried von seiner Mama träumt, dann kann er sich zur Inspiration schon mal zwischen die Brüste legen und den leidigen Drachen, eine Crux für alle Theatermacher, den brauchen wir erst gar nicht erscheinen lassen. Siegfried sticht einfach mit seinem Schwert in ein Hügelchen hinein, und schon ist das Untier erledigt und kann aus der Unterbühne heraus  das Ende des Riesengeschlechts bejammern. Auch für  die Geschichte  mit dem Waldvöglein hat man in Essen eine simple Lösung gefunden und  dabei dem Zuschauer noch ein Bröckchen Metatheater dazu gegeben. Theatermacher Wotan stellt einfach einen Käfig mit einem Vogel auf die Bühne, und damit auch der unbedarfteste Zuschauer merkt, dass die Regie nicht an das Märchen vom sprechenden Vogel glaubt, trägt vom Bühnenrand her eine Sängerin die entsprechenden Passagen vor.  Doch wir sind bekanntlich noch nicht am Ende, wenngleich der Zuschauer wie Gott Wotan  dieses schon mal herbeisehnt. Für den dritten Akt hat Regisseur Anselm Weber noch ein ganz besonderes Wechselbad für die Zuschauer parat, den geradezu grotesken Kontrast zwischen der Szene Erda Wotan und der Walkürensszene. Während erstere an eine zeitgenössische Realsatire erinnert: ein Herr mittleren Alters  sucht Hilfe bei seiner verschlafenen Exgeliebten, zitiert das Finale die Märchenwelt frühester Wagner Inszenierungen. Da senkt sich doch tatsächlich ein Felsbrocken mit flackernden Lichtern vom Bühnenhimmel  auf den staunenden Siegfried herab, und mittendrin im Felsen da liegt doch tatsächlich eine reife Dame  in voller Rüstung  und klettert, einmal befreit vom Waffenschmuck, im Brautkleid mit langer Schleppe vom Felsen herunter. Dass es dem armen Siegfried bei diesem Anblick mulmig wird, das können wir als Zuschauer nur zu gut verstehen, und wir fragen uns verärgert, was dieses ganze Zitatengerümpel soll. Ja, wir haben schon begriffen, dass die Regie das Wagnerbrimborium nicht ertragen kann, dass es  für sie nur noch als ironisches Zitat vermittelbar sei und dass man als Regisseur  gegen die erotisierende Droge der  Wagnermusik angehen müsse. Doch mit Verlaub, sehr geehrter Herr Theaterdirektor Weber: mit Wagner spielen, ihn ironisieren, ihn dekonstruieren, darin sind die Herren Neuenfels und Konwitschny und Herheim Meister. Bei diesen amüsiert man sich und erfährt zugleich neue Deutungen. Bei Ihnen, noch einmal mit Verlaub, da langweilt man sich nur. Und was die berüchtigte Wagnerdroge angeht: „Sei außer Sorg“. In Essen ist sie nur schwach dosiert. Den Wagner, den Sie und ihre Mitstreiter im Aalto-Musiktheater zur Zeit anbieten, das ist Wagner für katholische Landfrauen. – Wir sahen die Vorstellung am 18. Oktober. Es war die zweite Vorstellung nach der Premiere am 10. Oktober 2009.

Eine Familientragödie? Und weiter nichts? Die Walküre im Aalto-Musiktheater Essen

Der Essener Ring, der mit einer spektakulären Wagner-Revue, bei der die Rheingold Musik zum Soundtrack für eine Sex and Crime Show heruntergekommen war,  begonnen hatte, ist mit der Walküre im besten Sinne des Wortes wieder seriös geworden. Ort der Handlung ist ein großzügig bemessener palastähnlicher Saal, der allerdings schon erste Zeichen des Verfalls aufweist und in dem eine Familie preußischer Militäraristokraten oder vielleicht auch die modern-militärisch gekleideten Atriden oder vielleicht auch die Krupps von der Villa Hügel oder vielleicht auch der Wagner Clan residiert: Deutungsmöglichkeiten, die die Regie (Dietrich Hilsdorf) suggeriert. Unter dem Kommando eines Generals Wotan wohnen sie alle in diesem Palast: die Matrone Fricka, die letztlich das Kommando führt, die ganze Schar der unehelichen Kinder (junge Damen in großer Abendrobe), auch die Zwillinge Siegmund und Sieglinde und konsequenterweise auch der wohl nicht ganz standesgemäße Schwiegersohn und Schwager Hunding. Eine solche Konzentration der Szene und des Personals bietet neue dramatische Möglichkeiten:  es erleichtert Siegmund ungemein dem Schwager die Frau zu entführen, und das von Mutti Fricka erwirkte Todesurteil gegen ihren ungeliebten Stiefsohn lässt sich als eine Art Feme Familiengericht zelebrieren, bei der alle Beteiligten präsent sind. Wie es nun einmal bei einem Familientreffen üblich ist, trinkt man sich zunächst einmal zu. Eine schöne Gelegenheit für die Regie, einen weiß gedeckten Esstisch nebst Weingläsern und Rotweinflaschen mitten auf die Szene zu stellen. Im Finale des zweiten Akts, da schießt Hunding den armen Siegmund, der mit seinem mannshohen Schwert in der Hand  wohl noch auf ein richtiges Duell gehofft hatte, mit seinem Karabiner einfach nieder. Und die Leiche liegt am Esstisch, und Hundig trifft beim Anblick des zornigen Familienoberhaupts Wotan der Schlag. Doch vorher krabbelt er noch schnell auf eine Sitzbank und darf dann den ganzen dritten Akt über –  als Untoter drapiert –  dort hocken bleiben. Im dritten Akt ist es nur konsequent, wenn wir uns schon in einem zumindest halbmilitärischen Ambiente des 19. Jahrhunderts befinden, dass die Heldensöhne, die sich die jungen Damen (vulgo: die Walküren) zum Leichenfest ausgesucht haben, als schwule preußische Kadetten auftreten und mit den Wunschmaiden wenig anzufangen wissen. Und Wunschmaid Brünnhilde wird der Einfachheit halber im hohen Saale zum Tiefschlaf eingeschlossen. Eine in sich stimmige Konzeption, die auf das Grundthema ‚Verfall einer Familie’ (ein bekanntlich typisches Thema des späten 19. Jahrhunderts) den Hauptakzent setzt. Eine Inszenierung, die ohne all Gags und Mätzchen aus kommt, den Sängern allen Raum zur Entfaltung lässt und die nie von der Musik ablenkt. Und musiziert wurde  unter der Leitung von Stefan Soltesz dieses Mal – ganz anders als beim Rheingold –  berückend schön, ohne alles Brimborium, einfach nur schön.

Die Premiere war am 24. Mai 2009. Wir sahen die Vorstellung am  4. Juli.

29. 03. 09 Szenen aus dem romantischen Poesiealbum. Lucia di Lammermoor am Aalto-Musiktheater

In Essen ist eine richtig schöne romantische Lucia zu sehen mit einer Sängerin in der Titelrolle (Petya Ivanova), die mit ihrer so ‚glockenklaren’, so einfühlsamen Stimme, sagen wir besser: mit ihrem Belcanto die Zuhörer  entrückt und die in Erscheinung und Auftreten geradezu eine Lucia wie aus dem Traumbuch der Romantiker ist. Auch der so fordernde und zugleich so verzweifelte Liebhaber und der böse Bube von Bruder können in Gesang und Spiel durchaus mithalten. Und das düstere Bühnenbild mit seinen Ruinen von Burgen und Kirchen bedient nicht minder die romantischen Klischees, wie man sie von Caspar und David Friedrich und William Turner kennt. Romantik pur in Essen. Wir haben die Lucia unlängst als billige Aktualisierung in Frankfurt gesehen – und uns mehr als geärgert.

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28. 03. 09 „Die spekulieren wohl auf die Abwrackprämie“. Eine Wiederaufnahme von Le Nozze di Figaro am Aalto-Musiktheater in Essen

Nein, so böse, wie das klingt, war die Bemerkung einer Besucherin wohl nicht gemeint. Und sie bezog sich wohl  auch nicht auf die gesamte Inszenierung, sondern nur auf das Bühnenbild im letzten Akt. Aus dem nächtlichen ‚Garten der Lüste’ (für simple Gemüter: aus dem Garten der amourösen Verirrungen) ist in Essen ein Schrottplatz für die ausgedienten gräflichen Kutschen geworden, die ohne Rücksicht auf die Umweltverschmutzung geradewegs vor einem Pinienwäldchen abgestellt worden sind.  Wir wollen das Schrottplatzmotiv nicht zum Symbol des Essener Figaro machen. Aber vielleicht sollten die Verantwortlichen im Aalto-Theater ihre etwas sehr in die Jahre gekommene harmlos-konventionelle Inszenierung doch bald ‚abwracken’, eine Inszenierung, die, mag sie auch vor mehr als zehn Jahren in manchem Feuilleton gelobt worden sein, brav und bieder das historische Ambiente der Mozart Zeit nachzustellen sucht, die das erotische Geflecht zwischen den handelnden Personen allenfalls andeutet und die von den möglichen Konflikten zwischen den Ständen, vulgo: von einem prärevolutionären  Zeitgeist  erst gar nichts wissen will. Mit einer solchen Produktion erregt man nirgendwo Anstoß.

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20. 03. 09 Des Spießers Wundertraum. Museumswächter Ochs erträumt sich im Aalto-Theater Essen den Rosenkavalier

Dass Statuen wieder lebendig werden, den Frevler heimsuchen, ihn ums Leben bringen oder ihn mit Wahnsinn schlagen oder ihn zumindest in Angst und Schrecken versetzen, das ist ein gern genutztes Motiv in der romantischen Literatur (Beispiele finden sich leicht bei Eichendorff, bei Victor Hugo, bei Bécquer). Auch dass Figuren aus ihren Gemälden heraustreten und nächtens durch ein Museum geistern ,ist ein populäres romantisches Motiv (In der Madrider Metro kann man zurzeit einen Auszug aus einem spanischen Roman lesen, in dem erzählt wird, wie Kaiser Karl V. aus dem Tizian Bild heraustritt und des Nachts durch das Prado Museum reitet). Auch auf der Opernbühne ist das Museumsmotiv nicht unbedingt neu. Die Aida lässt sich  unschwer in ein ägyptisches Museum transponieren. Und für die so unzeitgemäßen Leidenschaften einer Lucia oder einer Alcina bieten sich  die Museumslösungen geradezu an. Regisseur Anselm Weber kann also für seinen Museums-Rosenkavalier nicht unbedingt Originalität beanspruchen. Originell ist indes der Versuch, das Museumsmotiv als Sprungbrett  für eine Komödie zu nutzen, jeden Akt in einem anderen „Saal“ spielen zu lassen, für die Wirtshausszene den Ruheraum der Museumswächter zu wählen und für das Finale wieder in  einen Prunksaal des Museums zurückzukehren – und den ganzen Rosenkavalier als „illustrierten Museumsführer für Opernliebhaber“ zu verkaufen.

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