Salomes Nachtmäre im Atelier beim Schneidermeister. Claus Guth inszeniert die Salome an der Deutschen Oper Berlin

Von schwülstiger Erotik, von Dekadenz und Jugendstil, von Orientmode, von Schleiertanz und Nekrophilie, von all den Mythen und Obsessionen des Fin de Siècle, in denen sich bei der Salome so mancher konventioneller Theatermacher verfängt, will Claus Guth nichts wissen. Er optiert stattdessen für Traumdiskurs, Puppentheater, Aktualisierung und einen Schuss Psychoanalyse.

Seine Salome, wie sie da im langen Nachthemd durch die Puppen (die Schaufensterpuppen) im Atelier irrt, ist keine Kindfrau mit eigenartigen Gelüsten. Sie ist eine erwachsene Frau, die in ihrer Kindheit vom pädophilen Stiefvater missbraucht wurde, an diesem Trauma leidet und sich gleichsam in einer Nachtmäre ihre Kindheit und Jugend in Erinnerung ruft. Eine Zeit, die sich gleich in sechs Salome Doppelgängerinnen in unterschiedlichen Altersstufen konkretisiert. Kinder und junge Mädchen, die sie nahezu ständig umgeben.

Der Prophet Jochanaan, ein schwerer nackter Mann, der aus einem Haufen von Stoffresten, die in der Schneiderei herumliegen, herauskriecht, ist nichts anderes als der Wiedergänger oder Doppelgänger des verhassten und geliebten Stiefvaters, eine Identität, die offensichtlich wird, wenn die Salome-Mädchen ihn ankleiden und er in Kostüm und Maske, mit Perücke und Brille zum perfekten Doppelgänger des Stiefvaters wird.… → weiterlesen

Festtage 2016. Erhaben die Musik – Heterogen die Inszenierung. Gluck, Orfeo ed Euridice an der Staatsoper im Schiller Theater

An vier Abenden hintereinander  steht Maestro Barenboim  bei den diesjährigen Berliner Festtagen am Pult. Orfeo, Mahlers Sinfonie Nr. 9, Parsifal, Lieder eines fahrenden Gesellen, Elgars Sinfonie Nr.1. Ob mit der Staatskapelle Berlin, ob wie bei Mahlers Neunter mit den Wiener Philharmonikern,  alle vier Abende sind Abende der absoluten Hochkultur. Schöner,  besser, ergreifender, wenn  man so will, rauschhafter geht es wohl nicht.  Doch überlassen wir die Lyrismen den Feuilletonisten, denen, glaubt man ihnen, beim Orfeo „das totale Gluck- Glück“ geschenkt worden  ist, und sagen wir einfach:  wie Barenboim seinen Orfeo (in der Wiener Fassung von 1762) zelebriert, das ist schon sehr beeindruckend.

Sprechen wir lieber von der Inszenierung, die Jürgen Flimm verantwortet. Dass diesem Glucks und  Calzabigis  Variante des Mythos mit dem lieto fine nicht zusagt, dass er – und Barenboim folgt ihm dabei (wohl mit einem Zitat aus der Pariser Fassung) – einen zirkulären Schluss vorzieht und damit die tragische, die traurige Variante des Mythos vorschlägt, das ist eine Deutung , die man im Zusammenhang mit Gluck und Calzabigi nicht unbedingt teilen muss. So schickt denn  die Regie im Finale  Euridice in den Tod zurück, lässt den armen Orfeo zwar nicht von den Mänaden zerreißen, wie es die tragische Fassung des Mythos will,  sondern  zerstört nur seine Violine. Grabeserde findet Orfeo in seinem Geigenkasten. Musik und Gesang sind zusammen mit Euridice gestorben.… → weiterlesen

Un déjeuner sur l’herbe mit fatalen Folgen: Jewgeni Onegin an der Komischen Oper Berlin

So viele Male haben wir Tschaikowskis „Lyrische Szenen“ nun schon gehört und in den unterschiedlichsten Inszenierungen gesehen. Die einen konzentrieren sich auf die Figur der Tatjana  und stellen diese als die moderne „starke Frau“ heraus. Andere erzählen uns zur unglücklichen Liebesmär die russische Geschichte  bis hin zu Putin gleich mit. Wieder andere wollen vom Leben auf dem Lande gar nichts mehr wissen und verlegen die Handlung in die Zeit des Moskauer Immobilien Booms der Jelzin Zeit. Und wieder andere  machen  aus den „Lyrischen Szenen“ eine Schwulenoper.

All dies sind mögliche Regiekonzeptionen, die –  jede auf ihre Weise – mehr oder weniger verborgene Bedeutungsschichten des Werkes aufdecken. Doch der Onegin, wie ihn Barrie Kosky jetzt an der Komischen Oper  in Szene gesetzt hat, lässt, so scheint es mir, alle anderen Deutungen vergessen, übertrifft sie alle an Poesie und Traum. Hier scheut die Regie  sich nicht, romantische Liebe und Melancholie, Vergeblichkeit und Vergessen in den Mittelpunkt zu stellen und dies alles mit leichter Ironie, mit einer Ironie, die nicht verletzen, nicht bloß stellen will, wieder in Frage zu stellen.… → weiterlesen

Und Lena lässt die Bubis tanzen. Jacques Offenbach, Die schöne Helena an der Komischen Oper Berlin

Nein, wir sind nicht in Sparta, nicht in Troia, nicht in einem erträumten Hellas. Wir sind im Berlin der Zwanzigerjahre. Und eine von abgetakelten, müden Militärs, von denen noch dazu die Hälfte im Rollstuhl sitzt, frustrierte Helena träumt von der großen Liebe. Oder sagen wir gleich: sie träumt von handfestem Sex mit einem jungen Mann.… → weiterlesen

Unser Emeritus träumt von Weibern und Dämonen. Ein heterogener Gounod Faust an der Staatsoper im Schiller Theater

Da sind die Rollen des Faust, des Méphistophélés, der Marguerite mit Pavol Breslik, René Pape und Tatiana Lisnic höchst brillant besetzt, da schwelgt die Staatskapelle unter Simone Young im wundersüßen Gounod Kitsch, einer Musik, die die Zuhörer geradezu einlullt. Und jeder von uns vergisst das Husten – und das Liebespaar vor mir das Knutschen.

Es war alles so schön, und noch schöner wäre es gewesen, wenn das Regieteam eine Grundkonzeption gehabt und nicht so verzweifelt nach einer szenischen Lösung gesucht hätte. Richtig, so mögen sie im Team gedacht haben, das Volksbuch vom Doktor Faust soll der Knabe Goethe als Puppenspiel gesehen haben. Gut so. Stecken wir ganz in diesem Sinne unseren Rentnerprofessor in ein Puppentheater und machen den Mephisto zum diabolisch aussehenden Theaterdirektor. (Dass dieser mit seinen dunklen Augengläsern, die der Sänger Pape während der gesamten Aufführung tragen muss, wie ein Mafiapate aussieht, nehmen wir in Kauf). Bei der Puppentheater Konzeption  ist es nur konsequent, wenn das närrische Volk im zweiten Akt auf sich steif und hölzern bewegende Marionetten macht und Marguerite (mehr als unvorteilhaft für die Sängerin)  als füllige Käthe Kruse Puppe auftreten muss. Was  Juniorprofessor Faust (vom Outfit her ein aufstrebender Parteifunktionär)  mit dieser Puppe anfangen soll, ja, das wissen wir noch von der Schule her.… → weiterlesen

Der genialische Trunkenbold und seine phantastisch-groteske Welt. Les Contes d’Hoffmann an der Komischen Oper

La Bohème in Zürich. Hoffmanns Erzählungen in Berlin. Ohrwurm auf Ohrwurm. Hält man das denn aus? So unendliche Sentimentalität, so viel Herz und Schmerz. Ja, das hält man nicht nur aus. Das genießt man. Das macht süchtig. Da lässt man sich von all der Süße treiben, einlullen. Ertrinken, Versinken – wenn so stupend gesungen, musiziert und gespielt, so grandios inszeniert wird wie jetzt in den beiden Häusern. Mag es in Zürich mit der etwas abgegriffenen Konzeption vom Theater auf dem Theater noch relativ konventionell zugehen, so zieht in Berlin Barrie Kosky alle Register des ‚Regietheaters‘, eines Regietheaters im besten Sinne des Wortes. Ein Theater, das mit seiner überbordenden Phantasie und der Fülle seiner Einfälle  und Verweise verblüfft und fasziniert.… → weiterlesen