Ich bin nicht unbedingt ein Verdi-Fan. Diese süße, tragisch-traurige Bellezza, diese Dreiecksspielchen, in denen Tenor und Bariton unabhängig voneinander und letztlich doch gemeinsam die Sopranistin erledigen – frei nach dem Motto: keine Oper ohne Frauenleiche – all dies ist schwer erträglich. Doch wenn jetzt wie in Amsterdam bei Der Macht des Schicksals das Nederlands Philharmonisch Orkest unter der Leitung von Michele Mariotti gleich vom ersten Takt an einen fulminanten, einen geradezu rauschhaften Verdi spielt, wenn die tragenden Partien (allen voran Eva-Maria Westbroek als Leonora) mehr als exzellent besetzt sind und wenn die Regie das angeblich so unselige Libretto neu und plausibel erzählt und entsprechend in Szene setzt, dann ist alles anders, dann gelingt grandioses Musiktheater und alle Verdi-i Vorurteile erweisen sich als nichtig.… → weiterlesen
Archiv der Kategorie: Amsterdam
Von der Angst des Politikers vor den Fundamentalisten. Salome an De Nationale Opera Amsterdam
Nein, dieses Mal wird uns kein Lustgreis und kein feister Kinderschänder im orientalischen Ambiente präsentiert. Es patrouillieren auch keine schwer bewaffneten Soldaten im Kampfanzug von heute. Salome ist auch kein sich langweilender Punk, der sich ein neues, leider tödlich ausgehendes Spielchen ausgedacht hat, und Jochanaan ist kein ‚Prophet aus der Wüste‘.
Von all diesem konventionellen Plunder will … → weiterlesen
Krieg und Totentanz, Traumdiskurs und postsozialistische Tristesse. Dmitri Tscherniakov inszeniert Alexander Borodin, Fürst Igor an der Nationale Opera Amsterdam

Plakat der Oper Amsterdam zur Oper Prinz Igor von Alexander Borodin
Fürst Igor, uraufgeführt im Jahre 1890, hatte ich noch nie gehört – geschweige denn auf der Bühne gesehen. Allenfalls an die Ballettmusik, an die berühmten Polowetzer Tänze, ein Highlight in den Wunschkonzerten, hatte ich eine schwache Erinnerung.
Umso größer waren die Erwartungen an die Amsterdamer Aufführung, und – sagen wir es gleich – sie wurden nicht enttäuscht. Es mag ja sein, dass die Musik – vor allem in den Romanzen und Arien der Sopranistinnen – auf Tschaikowski verweist. Es mag auch sein, dass Borodin Volksweisen und Kirchenmusik zitiert. Manches mag auch an Rimsky- Korssakhoff erinnern – vielleicht an Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesh. Doch ich bin kein Musikhistoriker und maße mir kein Urteil an. Sagen wir einfach: die Musik ist eingängig und gefällig, vermag den Zuhörer zu faszinieren.
Zu diesem Eindruck tragen nicht zuletzt auch die großen russischen Stimmen bei: der Bariton Ildar Abdrazakov in der Rolle des Protagonisten, der Bassist Dmitri Uljanov, der gleich zwei Rollen übernimmt: die des gewalttätigen Intriganten und die des generösen Anführers der Feinde.… → weiterlesen
„Hier soll ich Dich denn sehen, Konstanze…“ , ja, hier im Boulevardtheater alla turca. Oder wie Impresario Bassa Selim seinen Star und sein Theater verlor. Johan Simons inszeniert Die Entführung aus dem Serail an De Nationale Opera Amsterdam
Die Entführung in Szene zu setzen, das muß eine wahre Crux für unsere Theatermacher sein – wie oft haben wir das schon konstatieren können Da ereignet sich für den einen das Geschehen im Asylantenheim, und Belmonte wird dabei zum singenden Dachdeckermeister. Da lässt der andere in guter VHS Manier eine Verschleierte uns über das, ach so glückliche, Leben der orientalischen Damen im Harem unterrichten. Da schafft – wie jüngst in Berlin geschehen – ein Dritter das Libretto einfach ab und tischt uns zum Mozart Sound eine Melange aus Porno lirico, Road Movie, Gendertrouble und Mösenballett auf und verlegt das Geschehen in ein Drogencamp. Da geraten – wie vor zwei Jahren in Aix-en-Provence – Konstanze und ihre Begleiter in die Hände islamischer Terroristen und statt dass sie glücklich nach Europa zurückkehren können, rollen ihre Köpfe. Ein Finale, das dem aus dem Westen in den ‚heiligen Krieg‘ gezogenen Anführer nicht so ganz gefällt. Doch er lässt seine Soldateska einfach gewähren.
Nichts von alle dem findet sich in Johan Simons Amsterdamer Entführung. Hier gibt es keine wohlfeilen Aktualisierungen, keine Trivialisierungen, keinen Trash und erst recht kein verlogenes Gutmenschentum oder billiges Aufklärungsgewäsch. Hier bleiben wir in der Welt des Theaters – im ganz konkreten Sinne und entdecken ( vielleicht) sogar einen tragischen Subtext in dem scheinbar so unprätentiösen Libretto.
Zur Ouverture, wenn das Konstanze Motiv erklingt, steht ein junger Mann, vom Outfit her ein Theaterbesucher, in der dritten Reihe des Parketts auf und sucht Im Publikum und auf der Bühne vor dem geschlossenen Vorhang nach – wir ahnen es schon – nach Konstanze. Zum Duett und zum Dialog mit einer orientalisch kostümierten Person – wir ahnen schon, das ist Osmin – setzt er sich zu diesem, der zuvor zwei Theaterstühle auf die Bühne gezogen hatte. Zum ersten Auftritt von Konstanze und Bassa Selim geht der Vorhang auf: die Szene ist ein Boulevardtheater im orientalischen Klischee Dekor. In diesem Theater ist Konstanze wohl der Star und Bassa Selim erster Schauspieler und Theaterdirektor in einer Person.
Die Grundkonzeption der Inszenierung, Theater auf dem Theater zu präsentieren, ist nicht sonderlich originell. Doch in der Amsterdamer Entführung wirkt sie nicht im geringsten aufgesetzt oder abgespielt. Ganz im Gegenteil. Sie gibt der Regie Gelegenheit, einen Subtext des Librettos frei zu legen, eine mögliche zweite Geschichte zu erzählen. Die Entführung ist mehr als eine oberflächliche Dreiecksgeschichte, in der die Figur des blassen Belmonte vordergründig ihr Ziel erreicht. Konstanze ist mehr als die sich stets entziehende Maitresse. Sie ist Schauspielerin und Sängerin, Star des Boulevardtheaters, eine selbstbewußte junge Frau, die mit dem Milchbubi, mit dem sie einst liiert war, nichts mehr anzufangen weiß. Wenn sie aus reiner Konvention, eben weil es das Libretto so will, das Theater verläßt, verliert sie gleich zweimal: ihre Existenz als Künstlerin und ihre eigentliche Liebe. Und Bassa Selim verliert nicht minder. Mit der möglichen Geliebten verliert er zugleich sein Theater: alle Kulissen fallen spektakulär in sich zusammen. Alles war nur Illusion – die Liebe und das Theater. Es bleibt nichts als Leere.
Im so abgegriffenen, so scheinbar ganz naiven deutschen „Singspiel“ hat die Regie das Traurige, um nicht zu sagen: das Abgründige und das Tragische frei gelegt und ist damit Mozarts Musik wohl gerechter geworden als so manche sich so progressiv gebende Inszenierung, die wir in den letzten Jahren gesehen haben.
Schade, dass wir in Amsterdam nur bei einer etwas müde wirkenden sonntäglichen Nachmittagsvorstellung sein konnten. An den Nachmittagen geht es halt recht routiniert zu – selbstverständlich auf hohem Niveau: Lenneke Ruiten sang die Konstanze und Paul Appleby Belmonte. Wie dem auch sei. Schön war es alle Male. Zum Ärgern gab es nichts.
Wir sahen die Aufführung am 15. Januar, die zweite Vorstellung der Wiederaufnahme. Die Premiere des ersten Zyklus war am 5. Februar 2008.
Ein Reigen der Liebe und der Arien – Händels Serse an der Oper Frankfurt
Xerxes hatten wir zuletzt vor bald fünf Jahren in Berlin an der Komischen Oper gesehen. Als großes Barocktheater in Händels London, als Komödie voller Witz und Ironie und Parodie hatte dort Stefan Herheim Xerxes inszeniert. Eine große Show in Gesang und Szene, prachtvolle Kostüme, aufwendiges Dekor, Bühneneffekte, die ganz im Sinne der Ästhetik des Barocks Verblüffung und Erstaunen bewirken sollten, all dies war in Berlin zu bewundern. Eben eine Show, die wie zur Zeit Händels auch heute das Publikum anzieht.
Große Show in Orchesterklang und Gesang, brillante Stimmen, das bietet auch die Oper Frankfurt. Doch auf alle Verweise auf die Ästhetik des Barocks, auf, wenn man so will, allen barocken Tand verzichtet in Frankfurt die Regie und transferiert das Geschehen in unsere Zeit.
So werden denn aus Reifröcken halt Cocktailkleider. Aus weiten Überröcken und Culottes gewöhnliche Anzüge, aus den Theatermaschinen Videoprojektoren, die die Gesichter der Akteure in Großaufnahme zeigen. Die von Serse im berühmten Largo besungene Platane wird zum farbenprächtigen Video auf dem Vorhang. Im Finale indes da ist aus dem Wunderbaum ein entlaubtes Bäumchen im Wintergarten geworden. Dem im Finale so gebeutelten Serse bleibt halt nichts erspart. Da mag er in der Person der Gaëlle Arquez auch eine noch so elegante Bühnenerscheinung sein, da mag er (Pardon: sie) auch noch so wunderschön singen und in den Koloraturen brillieren, die von ihm (Pardon ihr) so angebetete Schöne ( Romilda, die Primadonna, in de Person der Elisabeth Sutphen) mag ihn nicht und dafür die altjüngferliche von ihm verschmähte Amastre umso mehr. Vom Karussell der Liebe ist Serse, der Primouomo, schmählich herunter gefallen.… → weiterlesen
Die letzten Tage von Masada – und alles ist doch nur ‚Schall und Rauch‘. Parsifal an De Nationale Opera Amsterdam
In Amsterdam hat man im Dezember noch einmal Pierre Audis Parsifal Inszenierung vom Jahre 2012 wieder aufgenommen. Eine Inszenierung, die zunächst befremdet und die dann im Laufe des langen Abends immer mehr fasziniert. Eine Inszenierung, die eine Variante, nein besser: gleich zwei Varianten des Parsifal Mythos anbietet und damit die alte Geschichte neu erzählt.
Spielt der erste Akt in einem halbfertigen Fort in der Wüste, im Innenhof einer Festung, wo Verschalungen, Treppen und Gerüste an rötlich schimmernden Felsen aufgehängt sind? Sind die in graue Kittel gekleideten Bewohner religiöse Fanatiker, die sich in die Festung geflüchtet haben und auf Erlösung warten? Ist diese ausgemergelte, langhaarige , nur mit einem weißen Leinentuch bekleidete Gestalt, die die Füße so eigentümlich verschränkt ( bei Wagner ein gewisser Amfortas) von ihrem ganzen Outfit her nicht eine Jesus Variante, eine Variante des Gekreuzigten? Ist die aus dem Off ertönende Stimme, die den Sohn zum erlösendem Handeln auffordert (bei Wagner ein gewisser Titurel) vielleicht die Stimme Gottes? Ist der Gral, den Jesus/ Amfortas hinter einem weißen Tuch (einem Leichentuch?) angeblich enthüllt, nichts anderes als eine Blut tropfende Lanze, die den Eingeschlossenen den Tod verkündet und nicht die Erlösung verspricht? Transponiert die Regie den Parsifal Mythos in die Christus Mythe und verbindet diese mit dem Masada Mythos, der Erzählung vom aussichtslosen und sinnlosen Kampf einer jüdischen Sekte, die im kollektiven Selbstmord endet?
Antwort auf all diese Fragen geben die Schlussszenen des dritten Aufzugs. Der erhoffte Erlöser tötet mit der heiligen Lanze den moribunden Jesus/Amfortas. Nein, dieser zieht die Lanze selber auf sich herab. Kein Gral wird enthüllt. Die schwarz gekleideten Sektierer folgen im kollektiven Selbstmord ihrem Anführer in den Tod. Die Hoffnung auf Erlösung war nur eine Chimäre. Einzig Gurnmanz, der zum weißen Oberkleid einen Mantel mit langer Schleppe trägt, überlebt und zündet ein Rauchopfer an. Wird er der Prophet und Anführer einer neuen Sekte? War alles, was war, nur ‚Schall und Rauch‘. „Alles, was ist, endet“.
War es das? Und was soll der große glitzernde Spiegel , das einzige Dekor im zweiten Aufzug? Was bedeutet die blaue Lichthöhle, das einzige Dekor im dritten Aufzug? Traumvisionen, Wahnvisionen der Eingeschlossenen? Oder vielleicht Referenz auf Neu-Bayreuth? Wie dem auch sei. Subtil und sofisticated in ihrer Konzeption und nicht minder in ihren Bildern ist diese Amsterdamer Parsifal Inszenierung alle Male.
Und der Musik Part? Maestro Marc Albrecht setzt auf das Langsame, das Getragene, das Feierliche, kostet Piano und Pianissimo geradezu exzessiv aus. Ja, wir wissen schon: Parsifal ein “ Bühnenweihefestspiel“. Doch war, frei nach Nietzsche, Wagner nicht auch ein Komödiant? Dass in Amsterdam alle Rollen höchst brillant besetzt sind, das bedarf keiner besonderen Erwähnung. Hinzuzufügen wäre nur, dass in Spiel, Gesang und Diktion Günther Groissböck als Gurnemanz das schon hochkarätige Ensemble noch überragt.
Wir sahen die Aufführung am 29. Dezember 2016, die Derniėre.