Religionsunterricht für Konfirmanden. Ein szenisch missglückter Versuch mit Händels Messiah an der Oper Frankfurt

In Frankfurt hat man es sich – offensichtlich guten Gewissens – mit dem Messias sehr einfach gemacht. Statt, um nur ein Beispiel zu nennen, die anspruchsvolle und beeindruckende Variante der ‚Christusmythe‘, wie sie Claus Guth am Theater an der Wien erzählt, zu übernehmen, hat man eine simple szenische Nacherzählung von der Oper Kopenhagen eingekauft.

Eine Nacherzählung des Charles Jennens Libretto, das mit ein paar Videoeinspielungen von Matthias Grünewald garniert und mit den inzwischen obligatorischen Zutaten wie Kriegsflüchtlinge, zerstörte Kirche, Geschützdonner usw. aufgemischt wird.

Und das Ganze geht so: … → weiterlesen

Im Totenschiff über den Acheron. Puccini, Il Trittico. Eine Wiederaufnahme der Claus Guth Inszenierung an der Oper Frankfurt

Was hält die drei scheinbar so unterschiedlichen Stücke: Il tabarro, Suor Angelica, Gianni Schicchi eigentlich zusammen? –  Das Leitmotiv des Todes, so die Antwort der Regie. Der Mord am Liebhaber in der scheinbar so simplen Dreiecksgeschichte, der Selbstmord der Protagonistin in der scheinbar so simplen Satire auf das Leben im Nonnenkloster, der Selbstmord des Gianni Schicchi  in der scheinbar so simplen Erbschleicher Komödie. Oder ist der Tod   des scheinbar so erfolgreichen Testamentsfälschers ein Unglücksfall?  Oder ist Schicchi schon dem  Irrsinn verfallen, der Strafe, die Dante für Fälscher vorgesehen hat? Die Regie lässt die Frage offen.

Wenn das Thema des Todes das die drei Stücke verbindende Leitmotiv ist, dann ist es nur konsequent, wenn die Regie das alte Motiv von der Seereise  als Metapher für die Lebensreise aufnimmt und dieses mit dem Motiv der letzten Reise, die den Seelen bestimmt ist, verbindet: der Reise auf der Barke des Charon über den Acheron in die Unterwelt. In die Unterwelt fahren sie alle hinab: der Liebhaber, dem das Geschick des Paolo aus der Divina Commedia bestimmt ist, die Ehebrecherin Giorgetta, der das Schicksal der Francesca da Rimini droht, die um ihr Leben und um die ersehnte Seligkeit betrogene Novizin Suor Angelica, Gianni Schicchi, der sein Endgeschick schon von Dante her kennt.… → weiterlesen

Maria Magdalena unter Fundamentalisten im Treibhaus der Südstaaten. Ein musikalisch herausragender, ein szenisch missglückter Stiffelio an der Oper Frankfurt

Sagen wir es gleich: es wird grandios gesungen. Sopran (Sara Jakubiak als Lina), Tenor (Russell Thomas in der Titelrolle) und Bariton (Dario Solari als Stankar) haben ihre großen Auftritte. Alles klingt so schön und so süß  nach Bellini und Donizetti und natürlich nach Verdi, nach dem frühen Verdi, und manchmal auch schon ein bisschen nach La Traviata. Eben unbeschwerte Italianità, wie sie die Verdi Fans lieben. Im Bereich von Gesang und Orchesterklang da gibt es nichts auszusetzen. Es wäre ein großer Opernabend geworden, ja wenn nur die szenische Umsetzung nicht so schrecklich gewesen wäre.

Die Regie versetzt das Geschehen in die schwüle, bigotte, abgeschlossene Welt einer amerikanischen Sekte von heute und schließt die Handelnden in eine Art Treibhaus ein. Da schwänzeln  nun die Sakristei-Ziegen mit irr-leuchtendem Blick um den  hochmütigen, charismatischen, farbigen Prediger. Nur dessen verhuschtes Frauchen im schwarzen Faltenrock und mit langem roten Haar (eine Mischung aus femme fatale und Hausmütterchen) hat die Abwesenheit des Pastors genutzt, um sich ein bisschen und mit schlechtem Gewissen mit einem in die Jahre gekommenen Hippy zu vergnügen. Und jetzt – so beginnt die Oper – ist das Gejammer der, so sieht sie sich selbst,  armen Sünderin groß. Nicht nur dass der  Kirchenmann und  noch schlimmer der stets von der Ehre schwafelnde  und doch nur eifersüchtige  Papa , der wohl eine inzestöse Neigung zu seiner Tochter hat, die Sünderin unter Psychoterror setzen. Sie greifen auch gleich zu den langen Messern und wollen den Liebhaber abschlachten. Der Guru bleibt  dann doch lieber bei der Bibel, will das Frauchen nur verstoßen und überlässt das Abschlachten dem alten Papa. Der schafft das und wirft der Sünderin den Kopf, nein, nicht den des Jochanaan, sondern den des Liebhabers in den Schoß. Doch diese will nicht Salome, sondern Maria Magdalena spielen. Und als solche steht sie dann, nein, nicht im Ribera oder Tizian Outfit, sondern in Omas fleischfarbener Unterwäsche im Finale im Gemeinderaum. Und da der Prediger, Gott sei Dank, gerade die Bibel an der richtigen Stelle aufschlägt: „Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein“, darf’s Frauchen „Ehebrecherin“ beim Prediger Macho bleiben. Und alles ist gut.

Was hätte man aus so einer abgenutzten Dreiecksgeschichte, aus so öden ‚Szenen einer Ehe‘ doch für eine böse Satire auf die bigotten Jungfrauen und die kleinen Sünderinnen, auf die inzestösen Alten und die heuchlerischen Prediger machen können! In Frankfurt hat die Regie sich mit ein paar unmarkierten Verweisen auf  Literatur und Film (Treibhaus, Salome, Maria Magdalena, Südstaaten Klischees,  Szenen einer Ehe)  begnügt und ansonsten eher peinlichen Sekten- und Kleinbürgerkitsch produziert. Schade um die „schöne Musi“.

Wir sahen die Aufführung am 3. März 2015, die siebte Vorstellung. Die Premiere war am 31. Januar 2016.

 

 

‚Theater auf dem Theater‘ nebst Opernparodie bis zum Exzess. Valentino Fioravanti: Le Cantatrici Villane. Dramma giocoso in zwei Akten. Uraufführung 1799

In einem italienischen Dorf trifft ein Kapellmeister gleich auf vier begabte junge Frauen, die alle Talent zur Sängerin haben und sich auch gleich vom Maestro ausbilden lassen wollen. Und Rosa (in der Person der Jessica Strong), die talentierteste von allen, ist noch dazu eine reiche Witwe – leider nur scheinbar, denn der angeblich im Kriege umgekommene Ehemann mischt sich, ohne in seiner Kriegermontur erkannt zu werden, ständig in die schönen Pläne des Maestro und dessen Schülerin ein. Und auch die drei anderen Damen wollen nicht zu kurz kommen. Zu diesen sechs Personen gesellt sich noch eine siebte, ein junger Mann, der nur zu gern auf der Opernbühne reüssieren möchte. Leider mangelt es ihm an Talent – dafür aber nicht an Geld. So wird er halt nicht Sänger, sondern Impresario und lässt gleich eine Oper einstudieren.… → weiterlesen

Ein Leben für Stalin? Harry Kupfer säubert und aktualisiert an der Oper Frankfurt Ein Leben für den Zaren

Warum wird Michail Glinkas Oper vom Jahre 1836 in Frankfurt nicht unter dem Originaltitel, sondern stattdessen unter dem Namen des Protagonisten Iwan Sussanin aufgeführt? Ist der Originaltitel vielleicht nicht political correct? Möchte sich der einstige Hausregisseur der Komischen Oper noch einmal für den Stalin Preis bewerben? Hat er deswegen aus einer romantischen russischen Oper ein sowjetisches Heldenepos gemacht  und die Handlung in das Jahr 1941 verlegt?

Die romantische Oper erzählt davon, wie ein einfacher Bauer im frühen 17. Jahrhundert sich für Russland und den Zaren opfert, als er ein polnisches Heer in den Wäldern in die Irre führt und mit dieser List Volk und Zaren vor dem Untergang rettet. Ein russischer Mythos, der mit den Klischees der romantischen Liebe angereichert wird: jugendlicher Held plus verliebtes Mägdelein.… → weiterlesen

„Hier gibt’s kein Auferstehn“ – auch nicht im Traum. – Korngold, Die Tote Stadt. Gluck, Orpheus und Eurydike. Zwei Varianten des Orpheus-Mythos in Wiesbaden und in Frankfurt

Passen Korngolds Filmmusik Oper (avant la lettre) und Glucks berühmte ‚Reformoper‘ zusammen? Von der Musik her selbstverständlich nicht. Hier die oft so eingängige und in den bekannten ‚Nummern‘, Mariettas Ballade, Pauls Schlusslied, Pierrots Lied, schlagerartige Musik. Dort bei Gluck das ‚Erhabene‘ in Gesang und Orchesterklang. Auch von der Handlung her haben die Tote Stadt und Orpheus und Eurydike – auf den ersten Blick hin – nichts gemein. Dort der etwas abartige Totenkult um die früh verstorbene Marie in einem düsteren, abergläubischen katholischen Milieu, einem Totenkult, aus dem sich der Trauernde schließlich durch einen Albtraum befreit. Hier der Abstieg in die Unterwelt und der vergebliche Versuch, die Geliebte zu den Lebenden zurück zu führen – mit einem scheinbaren lieto fine, das Amor als deus ex machina bewirkt.… → weiterlesen