Für eine Parsifal Aufführung – so mag man in der Dresdner Intendanz denken – braucht man nur den unverwüstlichen Recken aus dem hohen Norden als Gurnemanz zu engagieren. Dann kann schon nichts mehr schief gehen. Und wenn wir dann noch einen weiteren nordischen Recken, den Wagner gestählten Münchner Siegfried, als Parsifal gewinnen können und der einstige Stuttgarter Ring Star am Pult steht, ja dann können wir unserem geduldigen Publikum auch ein Parsifal Märchen anbieten, das einstens in den Zeiten des Arbeiter- und Bauernstaates einer unserer damaligen Hofsänger in Szene gesetzt hat. Ja, es ist eigentlich nicht vorstellbar: im sächsischen Vorzeigemusentempel, da ist doch tatsächlich eine Parsifal Inszenierung von Theo Adam aus dem Jahre 1988 zu besichtigen.
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26.03.09 Und wieder einmal Zoff unter Jugendbanden oder wie sich Theatermacherin Karoline Gruber selbst kopiert. Johann Adolf Hasse: Cleofide an der Semperoper
In Dresden steht seit nunmehr vier Jahren eine absolute Rarität auf dem Programm. Ein Oratorium von Hasse wird gelegentlich schon mal aufgeführt, so zum Beispiel I pellegrini al sepolcro de Nostro Signore, das wir bei den Pfingstfestspielen 2008 in Salzburg gehört haben. Aber ein Oper von Hasse hatte ich noch nie auf der Bühne gesehen. Ob die Reise nach Dresden sich gelohnt hat? Gegen den musikalischen Part ist nichts zu sagen: die Musik in ihrer scheinbaren Leichtigkeit kommt dem Zuhörer entgegen (welche ‚Qualität’ Hasses Musik hat, das mögen die Musikhistoriker unter sich ausmachen. Mir als musikalischer Laie gefällt sie einfach). Auf der Bühne brillieren zwei Countertenöre und lassen die Primadonna und mehr noch die Seconda Donna recht alt aussehen. Und die Inszenierung?
4. 4. 09 Von der Tragödie zur Komödie ist es nur ein Schritt – zur Klamotte nur ein halber. Von Glanz und Elend eines Regiestars. Offener Brief an Stefan Herheim anläßlich der Premiere seines Lohengrin in der Staatsoper unter den Linden
Sehr geehrter Theatermacher, lieber Stefan Herheim,
zunächst herzlichen Glückwunsch zu Ihrem großen Erfolg am vergangenen Samstag in der Staatsoper. Allgemeine Begeisterung bei einem (mit Verlaub gesagt) unkritischen Premierenpublikum, das sich wie immer erst einmal selber feiert. Ich habe, obwohl vielleicht der eine oder andere Altwagnerianer ein bisschen irritiert war, keine einzige Missfallsbekundung gehört. Dass in der „hauptstädtischen“ Presse an Ihrem Konzept herumgemäkelt wurde, das wird Sie nicht weiter stören. Gestatten Sie einer Dilettantin, die beruflich überhaupt nichts mit dem Musiktheater zu tun hat, die einfach nur gern in die Oper geht, die schon Ihre Neuerfindung der Entführung in Salzburg goutiert hat und die in den letzten drei bis vier Jahren wohl mehr als zweihundert Inszenierungen in den unterschiedlichsten Häusern gesehen hat, ein paar kritische Anmerkungen zu Ihrem Lohengrin.
27. 03. 09 Generalprobe für ein Musical auf der Bregenzer Seebühne? Tristan und Isolde an der Oper Köln
Nach dem fulminanten Carsen Ring, der vor zwei Jahren zuletzt gezeigt wurde, hat die Kölner Oper mit Wagner Inszenierungen kein Glück mehr gehabt. Den Kölner Lohengrin konnte man mit viel Wohlwollen als ironisches Mittelaltermärchen verstehen, den Tannhäuser als unfreiwillige Parodie. Doch jetzt bei Tristan und Isolde sind wir an einem Tiefpunkt angelangt, und man fragt sich, jetzt ohne Wohlwollen, wenn statt des Stadtarchivs das Opernhaus in einem tiefen schwarzen Loch versunken wäre, ob das überhaupt weiter aufgefallen wäre. Doch seien wir nicht zynisch. Wir sind eher traurig und bestürzt darüber, dass die Kölner Oper, in der ich im Laufe der Jahre so viele hervorragende Aufführungen gesehen habe, dabei ist, sich aus dem Kreis der großen Opernbühnen zu verabschieden. Natürlich spielt das Gürzenich-Orchester unter der Leitung von Markus Stenz noch immer einen rauschhaften Wagner. Allein, was auf der Bühne zu sehen und zu hören ist, das ernüchtert schnell. Ich verbiete mir jede Sängerkritik. Ein Opernhaus ist kein Fußballplatz, auf dem jeder Zuschauer an den Akteuren herummäkeln darf (das miese, besserwisserische Bekritteln der Sänger, auf das man immer wieder in den einschlägigen Magazinen stößt, ist mir sowieso zuwider). Ich sage einfach nur, dass es mir nicht gefallen hat und dass zwischen der Kölner und der Zürcher Tristan Aufführung, die ich Anfang Januar gesehen habe, Welten liegen. Und dies gilt nicht minder für das Inszenierungskonzept.
29. 03. 09 Szenen aus dem romantischen Poesiealbum. Lucia di Lammermoor am Aalto-Musiktheater
In Essen ist eine richtig schöne romantische Lucia zu sehen mit einer Sängerin in der Titelrolle (Petya Ivanova), die mit ihrer so ‚glockenklaren’, so einfühlsamen Stimme, sagen wir besser: mit ihrem Belcanto die Zuhörer entrückt und die in Erscheinung und Auftreten geradezu eine Lucia wie aus dem Traumbuch der Romantiker ist. Auch der so fordernde und zugleich so verzweifelte Liebhaber und der böse Bube von Bruder können in Gesang und Spiel durchaus mithalten. Und das düstere Bühnenbild mit seinen Ruinen von Burgen und Kirchen bedient nicht minder die romantischen Klischees, wie man sie von Caspar und David Friedrich und William Turner kennt. Romantik pur in Essen. Wir haben die Lucia unlängst als billige Aktualisierung in Frankfurt gesehen – und uns mehr als geärgert.
28. 03. 09 „Die spekulieren wohl auf die Abwrackprämie“. Eine Wiederaufnahme von Le Nozze di Figaro am Aalto-Musiktheater in Essen
Nein, so böse, wie das klingt, war die Bemerkung einer Besucherin wohl nicht gemeint. Und sie bezog sich wohl auch nicht auf die gesamte Inszenierung, sondern nur auf das Bühnenbild im letzten Akt. Aus dem nächtlichen ‚Garten der Lüste’ (für simple Gemüter: aus dem Garten der amourösen Verirrungen) ist in Essen ein Schrottplatz für die ausgedienten gräflichen Kutschen geworden, die ohne Rücksicht auf die Umweltverschmutzung geradewegs vor einem Pinienwäldchen abgestellt worden sind. Wir wollen das Schrottplatzmotiv nicht zum Symbol des Essener Figaro machen. Aber vielleicht sollten die Verantwortlichen im Aalto-Theater ihre etwas sehr in die Jahre gekommene harmlos-konventionelle Inszenierung doch bald ‚abwracken’, eine Inszenierung, die, mag sie auch vor mehr als zehn Jahren in manchem Feuilleton gelobt worden sein, brav und bieder das historische Ambiente der Mozart Zeit nachzustellen sucht, die das erotische Geflecht zwischen den handelnden Personen allenfalls andeutet und die von den möglichen Konflikten zwischen den Ständen, vulgo: von einem prärevolutionären Zeitgeist erst gar nichts wissen will. Mit einer solchen Produktion erregt man nirgendwo Anstoß.