„Nur eine tote Geliebte ist eine gute Geliebte“. Webers Euryanthe als Altherrenfantasien an der Frankfurter Oper

Es mag ja sein, dass die Euryanthe Musik zu Unrecht ein Schattendasein führt. Es mag auch sein, dass die Euryanthe  den typischen „Weberton“ verkörpert, dass sie in manchen Passagen Berlioz und Wagner schon vorweg nimmt. Aber ein Proto-Wagner ist eben noch kein Wagner. Diese Musik, so schön und eingängig sie auch in den Kavatinen der Protagonistin ist, berauscht nicht. Sie langweilt – und den gleichen Effekt erzielt die Inszenierung.

Die Regie hat tief und wahllos in die Theaterkiste gegriffen und eine Melange aus Weiberobsessionen einer versoffenen Männergesellschaft, Nightmare Fantasien, schwarzer Romantik, Gruselkabinett und Metatheatereinlagen angerührt. Da wetten in einer Bar vom Whisky selige, dümmliche Machos aus den besseren Kreisen auf die Verführbarkeit bzw. ewige Treue einer etwas in die  Jahre gekommenen Schönheit, da geistern die ‚schnöden Revenanten‘ aus der gothic novel durch die Szene, da tummeln sich  die grotesken Figuren  Goyas und Füslis auf der Bühne, da fehlt es nicht an Burgruinen und Friedhöfen und einem Revuetheater. Da dürfen die alten Herren ihre Lust an der vermeintlich untreuen Euryanthe austoben und die arme Frau (fast) ausziehen  und beinahe lynchen. … → weiterlesen

Bettgeflüster mit Rusalka – ein Traumspiel mit Filmzitaten. Eine Wiederaufnahme der Robert Carsen Inszenierung an der Bastille Oper

Der Undine Mythos – hier im konkreten Fall die Rusalka – ist offensichtlich eine Herausforderung für unsere Theatermacher. In Salzburg hatte vor ein paar Jahren Jossi Wieler eine spät-postmoderne Variante gewählt und damit für jeden im Publikum etwas parat: das Kindermärchen für Erwachsene im ersten Akt, die wohlfeile Gesellschaftskritik  im zweiten, das  Luxusbordell im  dritten Akt und das Zitat aus einem Gangsterfilm im Finale. Stefan Herheim erzählt in Brüssel und Graz den Undine Mythos in einem grandiosen Karnevalsspektakel als Wassermanns Nightmare und macht Rusalka zu einer Art Irma La Douce, zur kleinen Hure, die inmitten einer grotesken Welt von der großen Liebe träumt. Und wo sind wir in Zürich? Da sind wir bei den Reichen und Schönen von der Zürcher Goldküste, die sich in ihre Villa mit Blick auf die Stadt zur Unterhaltung – ein extravaganter Einfall des jungen Hausherrn – ein stummes Blumenmädchen eingeladen haben. Leider erweist sich das kleine Blumenmädchen als eine femme fatale, die den schönen jungen Mann um Verstand und Leben bringt, obwohl sie das doch eigentlich gar nicht so will. Und in München da hat Theatermacher Kusej mit seiner Rusalka sogar einen kleinen Skandal provoziert, als er Rusalka als Kinderschänder- und Spaßgesellschafts-Groteske aus einem verkommenen Österreich inszenierte.… → weiterlesen