Michael Hanekes Così fan tutte, eine Co-Produktion des Teatro Real Madrid und der Brüsseler Oper, wurde in den Feuilletons begeistert, um nicht zu sagen hymnisch gefeiert. Und dies wohl zu Recht. Hanekes Inszenierung ist in der Tat höchst subtil angelegt. Doch ungewöhnlich und überaus originell ist sie nicht. Sie ist in ihrer Deutung eher konventionell, wenn sie Da Pontes Spielmaterialien ernst nimmt, vielleicht auch zu ernst nimmt und im Finale die Tragik streift, eine Tragik, die nicht nur die naiven jungen Paare, sondern auch die Person des scheinbar so überlegenen, so ‚aufgeklärten‘ Don Alfonso berührt, der, je mehr das Spiel voran schreitet, immer mehr am Sinn seines Experiments zu zweifeln scheint. Und ein Gleiches gilt für Despina, die nicht mehr die intrigante Zofe des Libretto ist, die bei Haneke zur Maitresse und vielleicht auch zur jungen Ehefrau eines alternden Alfonso ‚aufgestiegen‘ ist und diesem nur unwillig und zögerlich in seinem Liebesexperiment assistiert, ein Experiment, das dieser wohl schon viele Male durchgespielt hat, auch wohl – so suggeriert es die Regie – mit Despina als Versuchsobjekt. Oder vielleicht auch nicht? Bei Haneke bleibt das Geschehen immer in der Schwebe – und vielleicht ist dies die Grundkonzeption der Inszenierung und nicht dieser so scheinbare ‚Realismus‘, der sich als erster Eindruck aufdrängt.
Handlung und Figuren oszillieren zwischen der Welt des 18. Jahrhunderts und unserer Welt: ein Schweben zwischen den Zeiten, das zugleich auch ein Schweben zwischen zwei unterschiedlichen Liebesdiskursen bedeutet: ein Oszillieren zwischen der Galanterie mit ihrer gezielten Unaufrichtigkeit, eben dem dominanten Liebesdiskurs in der Welt eines Watteau, einer Galanterie, mit der auch die Liebesspiele zwischen den Paaren in Così fan tutte beginnen und einer „Liebe als Passion“, in die sich diese im Laufe des Spiels hineinsteigern, einer Passion, deren mögliche tragische Konsequenzen die Regie im Schlussbild nur andeutet: im Schlussbild laufen die Paare nicht verärgert auseinander, wie man das so viele Male in mittelmäßigen Inszenierungen gesehen hat. Hier bilden alle sechs Personen eine Kette, ziehen einander hin und her, haben alle ihren scheinbar so fest gefügten Stand – Punkt und zugleich sich selber verloren.
Auch im Bühnenbild und in den Kostümen regiert das Oszillieren zwischen zwei Welten. Don Alfonso, kein „vecchio filosofo“ wie noch im Libretto, sondern ein sehr wohlhabender Herr aus dem Milieu der ‚Reichen und Schönen‘, hat zu einem Kostümfest geladen, in seine wohl gerade renovierte mediterrane Villa mit weiträumiger Terrasse, großzügigem Salon mit opulenter Sitzecke, Bar und Kamin. Gedacht ist beim Maskenfeste an Kostüme des 18. Jahrhunderts. Doch vorgeschrieben ist es nicht. Der Hausherr trägt das Festgewand eines Adligen des 18. Jahrhunderts, Despina ist als Pierrot verkleidet, die jungen Leute erscheinen im Sommerkleid, im Abendanzug, im Hosenanzug, die übrigen Gäste sind teils im Stile des 18. Jahrhunderts, teils modern gekleidet. Eine Party, Gesellschaftstheater weiter nichts. Und Theater ist auch das Experimentierspiel mit der Liebe,… → weiterlesen