Kein Bühnenzauber, sondern Zauber der Stimmen und der Musik. Rinaldo konzertant und Orlando szenisch am Theater a der Wien

Ein Fest der Stimmen sind diese beiden Händel Opern alle Male. Wenn man Rinaldo, die opera seria, die man schon so viele Male , sei es in München in der David Alden Inszenierung, sei es kürzlich in Frankfurt als eine Art Comédie Ballet, gesehen hat, wenn man wie jetzt in Wien Rinaldo nur hört, dann fasziniert dieses Fest der Stimmen umso mehr. Es sind nicht nur die so bekannten Schlager oder Ohrwürmer: „Cara sposa, amante cara, dove sei?“, „Augelletti, che cantate“, „ Lascia ch‘io pianga mia cruda sorte“, auf die man geradezu gespannt wartet.  Noch so manche andere Arie wie zum Beispiel Rinaldos Wettstreit mit den Trompeten  „Or  la tromba in suon festante“ begeistern das Publikum  und geben Sängerinnen und Sängern Gelegenheit, mit ihren „geläufigen Gurgeln“ zu brillieren. Und wenn dann zu Almirenas  „Augelletti, che cantate“ die Blockflöten von den Rängen herab ‚zwitschern‘ und  gleich fünf Trompeten mit dem Counter wetteifern oder wenn der Cembalist in Nachahmung Händels eine große Soloszene hat, ja dann ertappt man sich bei dem Gedanken, ob nicht doch konzertant live für manche Oper die angemessene Aufführungspraxis wäre. Doch wenn man sich an den Münchner Händel Zyklus  erinnert oder an den Orlando denkt, wie ihn Claus Guth jetzt in Wien in Szene gesetzt hat, dann verwirft man diesen ketzerischen Gedanken gleich wieder und glaubt von neuem an die Macht des Musiktheaters.

Guths Orlando ist kein strahlender Held und auch kein Orlando furioso. All der Renaissance Zauber, all die Ironie, mit der Ariosto seinen Helden umgab, sind verschwunden. Guths Orlando ist ein psychisch Gestörter, ein traumatisierter Kriegsveteran, der zusammen mit einem jungen Mann (seinem Betreuer?, seinem Liebhaber?) ien einem luxuriösen Apartmenthaus irgendwo in Florida seine Tage verbringt und Kriegsfilme (oder sind es seine eigenen Heldentaten?) im Fernseher anschaut.

Im selben Haus wohnen auch Angelica, eine etwas zickige junge Dame,  in die der Veteran sich verknallt hat, und ein hübscher Junge namens Medoro, der augenblickliche Liebhaber der Angelica. Medoro interessiert sich indes mehr für Autos als für Frauen. Das bekommt gleich die hübsche Dorinda zu spüren, die vor dem Apartmenthaus einen mobilen Getränkekiosk betreibt.  Bei Medoro hat die Verliebte keine Chancen.

In diesem Milieu und bei dieser Personenkonstellation nimmt es nicht Wunder, dass  aus dem Magier des Librettos ein Agent oder vielleicht auch ein Psychiater des CIA geworden ist, der den abgestürzten Veteranen Orlando für eine neue Mission gewinnen will. Zu diesem Zweck wechselt der CIA Mann auch schon mal seine Identität und streift als Penner durch die Wohnanlage oder tröstet auch schon  mal die unglückliche Kioskbesitzerin.

Doch das sind alles Nebenepisoden. Im Zentrum des Interesses der Regie steht die Psyche des abgestürzten Veteranen, dessen durch Eifersucht  ausgelöste Krise in extreme Gewalttätigkeit  gegen sich und andere ausartet. Die Amoklaufszenen, wenngleich sie  hin und wieder durch Übertreibung  die Groteske streifen, sind der Höhepunkt der Inszenierung. In der Person des alle Mitwirkenden überragenden Christophe Dumaux steht der Regie  für die Rolle des Orlando ein Sänger und Darsteller zur Verfügung, der den Wahn, der den Veteranen überfällt, absolut glaubhaft herüber bringt. Wie er mit der Maschinenpistole im Anschlag durch  Haus und Garten rennt, vom Balkon auf das Dach des mobilen Kiosk springt, jeden mit der Waffe bedroht, jedem und auch sich selber Gewalt antun will, wie er schließlich in Schlat versinkt, das ist großartig gemacht, das ist großes Musiktheater. Ist der Schlaf ein Heilschlaf, gibt es ein lieto fine? Oder wird der Veteran  gleich wieder in Gewalttätigkeit verfallen? Ist er für immer traumatisiert? Die Regie lässt die Frage offen Mit anderen Worten: Theatermacher Guth schlägt eine aktualisierende und psychologisierende Variante des Orlando Furioso Mythos vor und setzte diese konsequent und überzeugend in Szene. Zum Fest der Stimmen kommt ein Fest der Regie. Ein großer Opernabend im Theater an der Wien.

Dass im  Orlando wie im Rinaldo brillant musiziert wurde, versteht sich von selber. Im Orlando musizierte unter der Leitung von Giovanni  Antonini Il Giardino armonico, im Rinaldo  dirigierte  Jean Christophe Spinosi, und es spielte das Ensemble  Matheus.

Wir hörten Rinaldo am 27. April und besuchten die Aufführung von Orlando am April 24. 2019.

 

 

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