„neutral – männlich – weiblich“. Aufmüpfige Frau und potenter Macho im ewigen Streite. Konwitschny inszeniert Rihms „Die Eroberung von Mexiko“ in Salzburg

Treffen da wirklich in dieser Parabel, in diesen Szenen einer Ehe, die da mit dem irreführenden Titel in die Welt der Mythen, der Konquistadoren Mythen, erhoben werden, das Ewig-Weibliche und das Ewig-Männliche aufeinander? Ein Aufprall, der in Wagners Todesidylle enden muss? Tristan und Isolde, die sich ständig fetzen – unter einem Frida Kahlo Bild in einer Ikea Wohnwelt auf einem Autofriedhof.

Ist Rihms Musikspektakel wirklich ein solches Highlight der Opernliteratur, das man es so aufwendig in Szene setzen muss, wie jetzt in Salzburg geschehen? Eine Bühne, die die weiträumige Spielfläche der Felsenreitschule in einen riesigen Schrottplatz für ausrangierte Fahrzeuge verwandelt, einen Autofriedhof, auf der der Macho seinen so geliebten roten Porsche spazieren fährt, eine Ansammlung von Schrott, über den die Protagonisten klettern, um sich in ihrer Ikea Wohnstätte zu lieben, zu streiten, zu schlagen, zu saufen und um Männlichkeits- und Weiblichkeitsrituale durchzuexerzieren. In einer Ikea Wohnstube, in die aus dem Publikum heraus die Voyeure stürzen, eine ganze Kohorte junger Männer, um das Paar bei seinen Aktivitäten lüstern zu begutachten und mitzumischen.So viel Aufwand für ein letztlich gewöhnliches Kammerspiel, für ein Zweipersonenstück, das die ewige Mär vom Männlichen und Weiblichen, die zu einander drängen und sich von einander abstoßen, erzählt, für eine Mär, die das Ganze letztlich zum Zivilisationsmüll erklärt.

In dieser Inszenierung fällt alles Historische und alles Politische weg. Ob die Personen nun Cortés oder Montezuma heißen, ob sie sich unter einem Frida Kahlo Bild fetzen oder Tequila in sich hineinschütten, ist vollkommen gleichgültig. Der Krieg zwischen Azteken und Spaniern ist nichts anders ein Videospiel, das ein gelangweilter Macho am Computer verfolgt. Montezuma fungiert als Todesbraut, die sich im Hochzeitskleid über den Schrottplatz davon macht, und Cortés schneidet sich nach langatmigem Zögern die Pulsadern auf. Und im Schlussbild da sitzen sie beide als ihre eigenen Wiedergänger auf der Couch unter dem Frida Kahlo Bild und singen uns ein schönes Liebesduett – ein unmarkierter Verweis auf das Finale von L’Incoronazione di Poppea und auf Tristan und Isolde? Vielleicht.

Man verstehe uns nicht falsch. In Salzburg stehen mit Angela Denoke und Bo Skovhus in den Hauptrollen höchst brillante Sängerschauspieler auf der Bühne, in Salzburg ist zweifellos eine grandiose Inszenierung zu bewundern. Und wer Musik und Rhythmus, die sich als „Klangwellen im Raum verteilen“ (Ingo Metzmacher), mag, der erlebt Musiktheater auf hohem Niveau. Man muss es halt nur mögen.

Wir sahen die Aufführung am 29. Juli. Die Premiere war am 26. Juli 2015.

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