Alessandro De Marchi und sein Ensemble begeistern mit Porpora, Il Germanico in Innsbruck

Gesanglehrer der Stars des Settecento und Komponist sei Nicola Porpora gewesen – so heißt es in den Programmheften und Handbüchern. Mit anderen Worten: ein Star in der Musikszene des 18. Jahrhunderts und heute – so müsste man wohl ergänzen – fast vergessen.

Die eine oder andere Arie hat man sicher schon einmal gehört. Vielleicht aus dem Album, das Franco Fagioli Porpora gewidmet hat: „il maestro. Porpora arias“. Doch eine komplette fast fünfstündige opera seria, wie sie  jetzt Alessandro De Marchi mit seinem Orchester Academia Montis Regalis  bei den diesjährigen Innsbrucker Festwochen der  Alten Musik aufgeführt hat, habe ich noch nie gehört, geschweige denn auf der Bühne gesehen. Und Il Germanico, für die De Marchi eine eigne „Aufführungsfassung“ und die „Einrichtung für Orchester“ besorgt hat, lohnt zweifellos die mühevolle ‚Ausgrabung‘.

Porporas opera seria, die zum Karneval des Jahres 1732 in Rom uraufgeführt wurde, ist, davon ist man schon nach dem ersten Hören überzeugt, ein Highlight der Musikgeschichte. Ein scheinbar unendlicher Reigen aller nur möglichen Arientypen, eine schöner als die andere, mit ihren Koloraturen, ihren Affekten, ihren melodischen Bögen. Doch lassen wir die Feuilletonlyrik. An diesem langen Nachmittag, der einem nicht einen Augenblick zu lang wurde, hörten wir Barockarien, die so schön und so effektvoll sind, dass man sie immer wieder hören möchte.

Im Programmheft liest man, dass Porpora bei der Uraufführung seiner Oper die besten Sänger seiner Zeit zur Verfügung standen und dass, da gemäß einem Verbot der Päpste keine Frauen auf der Bühne auftreten durften, alle Rollen von Männern gesungen wurden. Letzteres Problem hatte De Marchi bei der Besetzung nicht. Bei ihm sangen und spielten die Damen: Patricia Bardon in der Titelrolle, Klara Ek als Primadonna und Emilie Renard als Seconda Donna. Ob alle drei in diesen Rollen die besten Sängerinnen ihrer Zeit sind, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sie herausragend, exzellent sangen und spielten, dass sie ihr Publikum begeisterten. Und das gleiche gilt für den Primo Uomo und den Secondo Uomo, die beiden Countertenöre David Hansen und Hagen Matzeit und den Tenor Carlo Vincenzo Allemano. Ein Fest der Stimmen, eine Barockgala, wie man sie in dieser Geschlossenheit und auf diesem hohen Niveau selten hören kann – vielleicht manchmal bei den konzertanten Raritäten im Theater an der Wien.

Und die Inszenierung, für die Alexander Schulin verantwortlich zeichnet?  Sie stellt sich ganz in den Dienst der Musik, lässt in „einer römischen Veduten-Landschaft“ in barocken Kostümen stolze germanische Rebellen (Arminius) von einem gleichsam von der „Clemenza di Tito“ beseelten römischen Staathalter (Germanicus) zivilisieren, lässt, ganz wie es dem Libretto entspricht, die Heroine (Rosmonda) leidenschaftlich und im lieto fine vernünftig sein, lässt die Seconda Donna (Ersinda) und den Secondo Uomo (Cecina) zum Vergnügen des Publikums als komisch-wildes Buffo-Paar  agieren. Prima la musica, poi la messa in scena. Dies war für diese opera seria die adäquate Regiekonzeption.

Ein großer Opernabend beim diesjährigen Festival der Alten Musik in Innsbruck. Ein begeistertes Publikum, das zu Recht alle Mitwirkenden stürmisch feierte.

Wir sahen die Vorstellung am 16.  August 2015, die dritte und letzte Aufführung in dieser Inszenierung. Die Premiere war am 12. August 2015.

 

 

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