„Das Wasser, dieses ewige Element luftiger Verschmelzung“. Ein berauschender „Vorabend“ zum Ring des Nibelungen in der Staatsoper im Schillertheater

„Das Wasser, dieses ewige Element luftiger Verschmelzung“. Ein berauschender „Vorabend“ zum Ring des Nibelungen  in der Staatsoper im Schillertheater

Sind es der kleinere Raum oder vielleicht die bessere Akustik im Vergleich mit der maroden Staatsoper unter den Linden, ist es eine Staatskapelle in Höchstform, sind es die brillanten Sänger? An diesem „Vorabend“ kam vieles zusammen, auf dass ein Opernabend auf höchstem Niveau zustande kam. Und wenn dann zum  herausragenden musikalischen Part noch eine durchdachte und überzeugende szenische Gestaltung hinzukommt, dann bleiben eigentlich keine Wünsche offen. Der Anfang irritiert noch: auf  der Vorderbühne plantschen Alberich und die sich etwas steif gebenden Rheintöchter in Wasserpfützen herum:  das übliche neckische Spiel ältlicher Mädchen mit einem älteren Herrn, der seinem Outfit nach zu urteilen wohl zu seinen Forellenteichen unterwegs war und unversehens unter die Weiber geraten ist. Den gesamten Bühnenhintergrund füllt eine mehrdimensionale, mehrfarbige Projektionsfläche, auf der strömendes Wasser und Pflanzen ineinander übergehen. Zum Szenenwechsel fällt nicht wie üblich der Vorhang: aus der Unterbühne kommen schwarz gekleidete Tänzer, wiederholen und verdichten das eben Geschehne in der Sprache der Bewegung und antizipieren das Kommende. Wotan und Fricka sind gleichsam wie Erscheinungen plötzlich da, und wieder werden die Tänzer deren Handeln ‚doubeln’. Die Tanzgruppe wird fast ständig auf der Bühne präsent sein. Die Tänzer werden  die Nibelungen spielen, werden Alberichs Lustmädchen mimen, werden sich wie Lianen um den Übertölpelten schlingen, wie Schlangen, die Laokoon  erwürgen. Der flämische Theatermacher Guy Cassiers, der für  Inszenierung und  Bühnenbild verantwortlich zeichnet, will indes mehr als eine intermediale Show, in der Musik und Gesang, Tanz und Spiel und Bühneneffekte ineinander übergehen. Sein Rheingold will auch nicht nur die Geschichte von der Entstehung der Welt aus dem Wasser erzählen. Auch die Geschichten von Machtgier, Betrug, Raub und Mord, so wichtig sie für die Handlung auch sind, stehen für ihn nicht im Vordergrund des Interesses. Sein Rheingold ist eine Erzählung aus dem Totenreich. „Alles, was ist – endet!“ Nein, so ist es nicht. Alles ist schon zu Ende. Die Riesen in ihren schwarzen Traueranzügen, die Götter in ihrer abgerissenen, aus der Mode gekommenen Kleidung, sie sind alle nur Untote, die noch einmal aus den Grüften  gestiegen sind, ihre Geschichten noch einmal spielen und im Finale, statt feierlich in Walhall  einzuziehen, in der Finsternis, aus der sie plötzlich erschienen sind, wieder entschwinden. Auf der Projektionsfläche erscheinen versteinerte Figuren. Versteinerte Kämpfer, die Gewaltexzesse aus archaischer Zeit erzählen. (Im Programmheft liest man, die versteinerten Figuren seinen „ein Abbild von Jef Lambeauxs Flachrelief Die menschlichen Leidenschaften“. Eine generöse Information, die man indes gar nicht braucht. Das Bild spricht für sich).In Berlin beginnt man das Rheingold nach der Götterdämmerung. Im ewigen Kreislauf wird alles, was endet, immer wieder neu und endet von neuem. Das ist als Konzeption nicht unbedingt originell – doch faszinierend in Szene gesetzt. Wir sahen die fünfte Vorstellung am 31. Oktober 2010. Die Premiere war am 17. Oktober 2010.

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