Mainz wie es singt und verschläft. Ein szenisch bemühter doch langweiliger Tannhäuser im Staatstheater Mainz

Auch in den Staatstheatern in deutscher Provinz kann man mit einem bisschen Glück recht respektable Wagneraufführungen erleben. In Hannover, in Karlsruhe und sogar (dort hatten wir etwas weniger Glück) im verschlafenen Mainz – verschlafen in dem Sinne, dass dort das Produktionsteam wohl noch nicht ganz mitbekommen hat, dass bei Wagner Rausch und Erotik aus der Musik kommen, sich in der Imagination der Zuhörer ereignen und dass man dafür, so hübsch sie auch anzuschauen sind, keine barbusigen Statistinnen braucht. Wenn man natürlich, wie in Mainz geschehen, nur einen recht müden Wagner erklingen lässt, über weite Strecken nur einen recht schlaffen und langweiligen Sound zum Bühnengeschehen beizusteuern vermag, dann muss man halt zumindest in den Anfangsszenen an die Voyeurinstinkte des Publikums appellieren, auf dass es nicht schon in der ersten halben Stunde einschläft. Später gibt es dann nicht mehr viel zu gucken. Da klettern die Sänger nur noch auf Tischen und Stühlen herum, die ein sparsamer Ausstatter auf dem Speermüll gefunden hat. Verschlafen ist die Musik. Verschlafen ist auch die Regie – verschlafen in dem Sinne, dass sie Neueres noch nicht ganz mitgekriegt hat. Da wird die gute alte Gesellschaftskritik noch einmal aufgewärmt. Ja, ja, wir wissen schon: der Wagner war ein Revolutionär. Da wird das gute alte Traumtheater wieder aktiviert. Ja, ja, wir wissen schon. Strindberg, García Lorca, Calderón.  In Mainz ist Tannhäuser ein etwas in die Jahre gekommener Jüngling von heute, der sich im Wahn, in einem Albtraum, in eine Biedermeier Tischgesellschaft versetzt sieht und dem im Traum Tannhäusers Geschick widerfährt. Nicht genug damit. Die Damen, mit denen er es zu tun bekommt, sind in ihrem Outfit so eine Art Cosima Wagner Verschnitt. Die Herren? Sind sie vielleicht Komponisten aus der Wagnerzeit? Oder vielleicht doch nur „Mainzer Hofsänger“, die bei einer biederen Karnevalssitzung  aus der Bütt ihre Liedchen vortragen? Und der Tannhäuser, das ist es so eine Art Störenfried im Publikum, der sich einbildet, bei einer Karnevalsitzung unflätige Lieder vortragen zu können und der den geballten Zorn der Mainzer Karnevalsgesellschaft zu spüren bekommt. Warum der Arme sich vor lauter Schreck gleich die Augen ausstechen muss, das haben wir im Publikum nicht verstanden. An einem Ödipuskomplex  leidet er doch nun wirklich nicht. Und Elisabeth? Das ist das brave Mädchen aus der Nachbarschaft, das irgendwo gelesen haben muss, dass Liebe irgendetwas mit verbotener Passion zu tun haben muss und die zur Buße im dritten Akt an der Bütt den Gekreuzigten mimen  oder vielleicht sogar parodieren darf. War es das? Im Programmheft liest man, dass die für die Regie verantwortliche Dame eine preisgekrönte Theatermacherin sei, die unter andern bei Neuenfels und Konwitschny gelernt habe. Das mag schon sein.  Doch Neuenfels weiß noch immer zu provozieren, weiß mit ganz unerwarteten Interpretationen verborgene Schichten eines Werkes sichtbar zu machen – wie zum Beispiel bei seinem Essener Tannhäuser. Und Konwitschnys Tannhäuser in Dresden? Da wird Wagners Erlösungsmythos als Erlösungsgeschwafel entlarvt. Da endet Elisabeth nicht als Heilige, sondern als Selbstmörderin. Da wird – mit einem Wort – Tannhäuser gegen den Strich gelesen. Nichts von alledem in Mainz. Dort wird allenfalls ein Zitatensalat angerichtet. Dort ist pure Langeweile angesagt – Wagner fürs Beckländle. Brav und bieder und weiter nichts. Schade um die durchweg so respektablen Sänger. Wir sahen die Aufführung am 12. November 2010. Die Premiere war am 17.September 2010.

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