Nina unter Gangstern beim letzten Abendmahle. Eine biedere Salome Aufführung im Gran Teatre del Liceu

Ein Glück für den Musentempel der Katalanen, dass Nina Stemme, wenngleich die Salome wohl nicht ihre Paraderolle ist, mit gewohnter Bravour sang. Sonst wäre das Ganze trotz der eingebauten Gags  noch schwachbrüstiger und noch biederer ausgegangen, als es schon war. Nichts von schwülstiger, dekadenter Erotik, nichts von Spannung und Knistern. Was da aus dem Orchestergraben aufstieg, das erinnerte nur als ‚ferner Klang’ an Strauss. Leise und getragen, so ganz ohne allen Schwung wurde da Strauss serviert, so als wolle man die Sänger vor aller Anstrengung bewahren, so als wolle man unsere liebe Katalanen  nicht aufschrecken, die wie gewohnt höchst diszipliniert da saßen und einen – sagen wir es ruhig drastisch – kastrierten Strauss über sich ergehen lassen mussten. Auch was sich auf der Bühne tat, kann man nicht gerade spektakulär nennen. Eine heterogene Salome Show hatte man dort zusammenmontiert, eine aktualisierende Variante des Mythos mit Zutaten aus der Welt des Gangsterfilms und der Schauerromantik. Ort der Szene ist eine einsturzgefährdete Hotelhalle, in der ein halbes Dutzend Bodyguards mit ihren Pistolen herumfuchteln und in der ein etwas in die Jahre gekommenes Mädel namens Salome mit einem Zeugen Jehovas, der wie der ewige Jude durch die Szene streift, anbändeln will. Und wie das halt bei den Zeugen Jehovas so üblich ist, will auch dieser seine Botschaft loswerden und hat für die Bedürfnisse des Mädels keine Zeit. Dem das Ganze störenden Boss der Bodyguards vergönnt die Regie noch nicht einmal den Selbstmord aus Liebeskummer, wie ihn das Libretto verlangt. Hier in Barcelona entreißt das Mädel dem Störenfried einfach die Pistole und legt ihn um. Ein hübscher Gag, den ich noch nicht kannte. Und dann fällt erst mal der Vorhang (ein weiterer hübscher Gag), und das Orchester säuselt weiter vor sich hin. Wenn sich der Vorhang wieder hebt, dann haben sich der Gangsterboss Herodes, seine füllige Gattin, das Judenquintett, ein katholischer und ein protestantischer Pfarrer (die beiden Nazarener des Libretto) sowie ein paar langbeinige Gespielinnen auf der Baustelle zu einer Art letztem Abendmahl versammelt. Ein nette Da Vinci Parodie: Gangster Herodes als der Antichrist (seltsamerweise im Karl Lagerfeld Outfit)? Prinzessin Salome als der Lieblingsjünger? Und die übrigen als Apostel? Warum nicht? Auch das wäre eine Variante des Salome-Mythos. Und der berüchtigte Schleiertanz? Der fällt in Barcelona einfach aus. Stattdessen spielt das Orchester ein Tänzchen. Salome kriecht unter den Abendmahlstisch und greift Stiefvater Herodes und dem Judenquintett wohl ans Gemächte. Stoßen sie doch allesamt spitze Schreie aus und schauen verzückt drein. Als Höhepunkt des Abends zeigt Salome  Dias aus ihrer Kindheit, in der sie wohl irgendjemand betatscht hat. Und damit ahnen wir alle im Publikum, dass Opa Herodes wohl kein Lustgreis, kein viejo verde, sondern ein Pädophiler ist. Ja, warum eigentlich nicht. Und die Schlussszene? Da kommt doch zum Schrecken des armen Herodes der Zeuge Jehovas, dessen Kopf doch auf der „Silberschüssel“ serviert worden war, als ‚schnöder Revenant’ oder als ewiger Jude Ahasver, den Kopf noch immer dort, wo er anatomisch hingehört, einfach wieder herein. Und die arme Salome, das „Ungeheuer“ fällt in Ohnmacht oder scheidet an einem Übermaß von Orgasmus dahin. Und das war’s dann. Eine Opernparodie? Vielleicht. Oder einfach nur konzeptionsloses Stückwerk? Das Publikum applaudierte wie immer heftig. Die Stemme in ihrem weißen Unschuldskleid singt ja auch so schön. Und lange hat’s ja auch nicht gedauert. „? Porqué no echamos tomates?“  – meinte mein Freund Pere. „Warum schmeißen wir eigentlich keine Tomaten?“ – Wir hatten keine dabei. Aber vielleicht beim nächsten Mal. Wir sahen die vierte Vorstellung der laufenden Serie.

 

 

Barcelona am 25. Juni 2009